Archiv der Kategorie 'Kolleg_innen'

Kommse ran! – The Incredible Herrengedeck lädt ein

Die Welt steht Kopf – der Kulturbetrieb geht weiter. Aber nicht ganz so wie sonst:

Nazis im Bundestag, Polizeigewalt von Hamburg bis Barcelona, Linksunten verboten und die Mieten steigen ins unbezahlbare? Was kann man da gegen machen? Richtig: auf die Straße gehen!
- Aber demonstrieren…? Ist das nicht nicht gefährlich und irre kompliziert?
- Nein, wir zeigen wie man es richtig macht! Kommt alle zum großen The Incredible Herrengedeck Demoworkshop Von A wie Anticapitalista bis Z wie … Zapatista Soli-Kaffee!
Transpimalen, Parolen üben, Ketten bilden, da ist für jeden was dabei! Und zwischendurch gibt es natürlich auch zahlreiche Kulturbeiträge.
Als Gastreferent*innen und ausgewiesene Expert*innen sind dabei: Esels Alptraum, Paul Geigerzähler, Lena Stoehrfaktor & Punkrock MC!

Mal in Berliner Mundart pöbelnd, mal rappend und mal accapella, manchmal trashig, meistens lustig, oft politisch: seit über zehn Jahren spielen sich The Incredible Herrengedeck mit ihren Chanson-Punk durch die Kneipen und Clubs der Stadt. Ein roter Faden ist dabei die Auseinandersetzung mit Berlin, ob als ganzes oder in einzelnen Bezirken und Szenen – immer wieder besingen die drei Herren ihre Heimatstadt die Menschen, die Kieze, die Gentrifizierung…

Um Berlin im weitesten Sinne geht es auch in der Mixed Show „Kommse ran!“ doch stehen hier die Künstlerinnen und Künstler, die der Berliner Underground in großer Zahl hervorbringt im Mittelpunkt. Viele von ihnen bleiben Geheimtipp und nur wenige von ihnen schaffen den Sprung auf die großen Bühnen. Zu Unrecht finden die Herrengedecke und präsentieren einige besonders geschätzte Kolleginnen und Kollegen in einer bunten Show aus Musik, Poetry, Kabarett, Theater und mehr. Also: Kommse ran!

Eintritt: 12,-€ erm. 8,-€

Ich bin gespannt!

RAW & DIRTY (Teil 1)

Im Vorfeld des letzten Kopfstands sind ein paar Songs entstanden, die ich gerne in die Welt schicken wollte. Dankenswerterweise bot sich Tom aus der Traumstation im RAW – Gelände an, auf die Schnelle ein paar Aufnahmen zu machen:

Kopfstand

Mach den Überbau – zu deinem Fundament
wunder dich dann – wenn alles brennt
Versuch zu löschen – mit deiner Stirn
Ein stechender Schmerz in deinem Gehirn

Kopfstand!

Verlier dich in tausend Partikularidentitäten
den von heute, den von gestern, den neuen und den Späten
du kannst dich träumend im Labyrint verlaufen
ist kein Licht am Horizont – geh doch einfach einen saufen

Kopfstand!

ist das Fundament dann weg, falle einfach in den Keller
Falle immer tiefer immer weiter immer schneller
Und bist du dann verschüttet und kannst dich nicht mehr bewegen
ist es zu spät den Schalter noch mal umzulegen

Kopfstand!

Mach den Überbau – zu deinem Fundament
wunder dich dann – wenn alles brennt
Versuch zu löschen – mit deiner Stirn
Ein stechender Schmerz in deinem Gehirn

Kopfstand!

Überall Schmerz und alles ist aus
Die Welt steht auf dem Kopf und du kommst hier nie mehr raus
Der Rauch hat dir die Atemluft genommen
Und jetzt siehst du nur noch schwarz vorhin wars doch noch verschwommen

Kopfstand!

Neulich im Tunnel…

…tief und ziemlich j.w,d. unter Ostberlin. Mit dem Kollegen E. an der Gitarre.

Lügenfresse

Ein paar Schnippsel Kopfstand als Zine!


Der Papst mit Heft auf dem Weg nach Cottbus.

Inhalt:

03 – Kopfstand – Register
05 – Wie alles anfing
08 – Svantevit in Budyšin
10 – Lyrik aktuell
12 – Tom und der Whiskey
14 – Kopfstand – Organigramm
16 – Gernot
19 – Wussten Sie schon?
20 – Brandrede bei der HIGEDAK
21 – Wussten Sie schon?
22 – Baustellen
23 – Jürgen und Fliese in Moabit
27 – Wussten Sie schon?
--ENDE--

Zu haben ist das Heftchen bei unseren/meinen Auftritten – so lange der Vorrat reicht.

Fäden und Schlaglichter

Alles Gute, KvU!

Der Blues – unangepasste rotweintrinkende Langhaarige als Gegenentwurf zum grauen Fordismus realsozialistischer Prägung. Die große Gegenkultur in der DDR vor Punk. Mittendrin Freygang: DER BLUES MUSS BEWAFFNET SEIN! Ist er das? Anscheinend schon. Die DDR ist jedenfalls Geschichte.

Der bewaffnete Blues

Langhaarige auch im Westen. Lehrlinge in Westberlin und anderswo. Der BLUES besorgt sich Knarren und wird zum 2. JUNI. Aus kulturellem Gegenentwurf zum Fordismus westdeutscher Prägung wird Stadtguerilla. Gegen Kapitalismus, gegen Imperialismus und immer etwas mehr auf dem Teppich als die RAF. Erschreckend für die Behörden: Die breite Unterstützung.

Ein paar Jahre später:

In die schon bröselnde DDR fällt die KvU vom Himmel der Offenen Arbeit (mit großem O). Sanft schwebt sie über den Kirchentag mit Veranstaltungen zu wichtigen Themen wie „War Jesus ein Anarchist?“ – in feinster Kombination mit Blues- und Punkkonzerten. Und sie erzwingt eine Art autonomes Zentrum mitten im zerfallenden Postspätstalinismus, vereint Solidaritätsveranstaltungen für die Gefangenen aus der RAF (BRD) mit Mahnwachen gegen das Massaker am „Platz des himmlischen Friedens“ (China) und der Aufdeckung der Wahlfälschung (DDR). In der KvU wird die erste Antifagruppe Ostberlins gegründet, während der „erste sozialistische Staat auf deutschem Boden“ noch so tut als wäre nichts.

Noch ein paar Jahre später:

Die Wendeanarchie ist längst vorüber. Der Traum ist aus, die besetzten Häuser geräumt, legalisiert und zerstritten. Nur manchmal rumort es – wenn trotz Legalisierung geräumt wird. Die KvU macht solidarisch Punkkonzerte und manchmal mehr. In ihren Anfang der 90er bezogenen Räumen hat sie sich zu diesem Zweck einen hübschen Keller gebastelt. Das könnte alles seinen Gang gehen, wenn nicht so ein Immobilienheini finden würde, dass er in Mitte mehr Geld verdienen kann, wenn er statt der KvU ein paar Lofts verkauft. Anschließend gibt es Demos, Gerichtsprozesse, Strategiedebatten und Beharrlichkeit gegen Räumungsdrohungen. Irgendwann möchte der Eigentümer den Strom abdrehen. Ein kleiner Freundeskreis am Rande der KvU denkt: Das müssen wir ausprobieren! Tausend Bands im Kerzenschein! Es werden nur etwas weniger als 20 Bands und SolokünstlerInnen.

ALLES GUTE ZUM DREISSIGSTEN, KvU!

So viele Leute in den HEILIGEN HALLEN. So viel gefeiert, gesoffen und rebelliert. Soviele Leute in diesen Räumen und den Räumen davor. Zuviele auch, die nicht mehr mitfeiern können. Die Erde ist ihnen hoffentlich leicht. Was ist übrig vom BLUES, was vom 2. JUNI? Käme BENNO OHNESORG mit der Ringbahn zur Feier – er wäre 76 Jahre alt. Von Maden zerfressen auch KURRAS, diese Verkörperung des hässlichen Deutschlands – Mörder, Bulle, Autoritätsfetischist, Waffenfreak und bei der Stasi im Nebenberuf.

Was bleibt von den Revolten? Haben sie nicht ungewollt auch geholfen, den Fordismus in Ost und West gegen eine noch beschissenere Variante kapitalistischer Vergesellschaftung zu ersetzen? Den Kapitalismus modernisiert, statt ihn abzuschaffen? Statt Aufruhr und Rebellion die Angst, von der Gesellschaft ausgespuckt zu werden? Allein, atomisiert, zurückgeblieben – im Rattenrennen der Selbstvermarktung im individuellen Arbeitskraftunternehmertum. Keine Solidarität nirgends?

Wohin mit den alten Träumen im postfordistischen Allerlei? Wohin mit der kulturellen Rebellion im neoliberalen Vermarktungszwang?

Was ist jetzt mit den Versprechen aus den alten Revolten?

Wo ist denn jetzt die Freiheit?

Nehmen wir die Fäden auf. Spinnen wir sie neu und anders. Spinnen wir sie heute!

DER BLUS MUSS BEWAFFNET SEIN!


PS: Der Autor war bei den ersten beiden Schlaglichtern nicht dabei, ein paar Jahre später konnte er mit kindlichen Ohnen schon ein entferntes Echo vernehmen. Den Rest hat er selbst miterlebt – eher als Randfigur der heiligen Hallen.

30 Jahre KvU wollen auch gefeiert werden. Das wird mit einem ganzen Stapel Veranstaltungen passieren. Auftakt ist das KvU – Unplugged am 2. Juni. Ganz im Sinne des Weiterspinnens Soli für die Prozesskosten gegen die KAUFHALLE DER SCHANDE. Sehr interessant dürfte auch die Buchvorstellung „30 Jahre Antifa in Ostdeutschland“ werden

KvU Unplugged IV

02. 06. 19:00
in den Heiligen Hallen

Musik und Texte unter anderem von Ahne, Avi von Bukahara, Benny Baupunk, Dampf in allen Gassen, Eva Supertramp, Glittasphyxia, Geigerzähler, Konny, Juppiescheuche, Motz Art Berlin, Paula, Potter, Prunx, Sahara B., Wayne Lost Soul, Yok


Überschüsse gehen an die FAU Berlin zur Deckung der Prozesskosten gegen die verdammte KAUFHALLE DER SCHANDE, die seit zweieinhalb Jahren immer noch nicht die Bauarbeiter bezahlt hat. http://berlin.fau.org

Facebook-Veranstaltung.

Vor zweieinhalb Jahren gab es schon mal ein „KvU Unplugged Spezial“ mitten im Winter – direkt vor der „Mall of Shame“. Damals schrieben wir:

„KvU Unplugged“ solidarisiert sich mit den Bauarbeitern, die den Einkaufstempel „Mall of Berlin“ gebaut, dafür immer noch keinen Lohn bekommen haben und sich zusammen mit der Basisgewerkschaft FAU dagegen wehren.
Zu diesem Zweck organisieren wir eine Kulturkundgebung vor der Mall of Shame. Am Dienstag, den 16. Dezember wird zwischen 18:00 und 20:00 neben Redebeiträgen ein für „KvU – Unplugged“ typisches Kulturprogramm mit Bands, Lesungen und Theater stattfinden.

„KvU Unplugged“ entstand in den Protesten gegen die drohende Räumung des aus der linken DDR – Opposition hervorgegangenen Jugend- und Kulturzentrums KvU – Kirche von Unten. Als dieser der Strom abgedreht werden sollte, solidarisierten sich über 30 KünsterInnen mit einem legendären Kulturprogramm im Kerzenschein. Wiederholt wurde die Veranstaltung als Soliabend für den „Refugee – Strike Berlin“.
Am kommenden Dienstag gehen wir erstmals auf die Straße. Wir hoffen, in Zeiten von PEGIDA und HOGESA ein starkes Zeichen der Solidarität zu setzen.

Das kann eigentlich genau so stehenbleiben.

Schliesslich gilt es noch die öfter gestellte Frage zu beantworten, wer da eigentlich auf unserem Cover abgedruckt ist: Der hier!

Kopfstand Tour

Leider ohne Hanz, den wir aber am 2. 2. in der Baiz wiedertreffen.

Apropos Kopfstand: Sahara hat einen schönen Text über die Kopfstandproduktion geschrieben:

DREI BESCHEUERTE KLEINKÜNSTLER


Vor langer, langer Zeit in einem fernen, fernen Stadtteil von Berlin saßen drei bescheuerte, bescheuerte Kleinkünstler an einem runden, runden Tisch und diskutierten.
Sie waren auf der Suche nach neuen Ideen, denn das war ihr Handwerk. Hände hatten sie schon. Musste nur noch das Werk her…

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Schlechtes Wetter, Elbflorenz! Geburtstagsgrüße und Kaltfront

Dresden wie immer. Pegida wird umarmt, Gegenprotest kriminalisiert. Es ist eben Dresden. Zum zweiten Pegida-Geburtstag möchte ich da nicht abseits stehen, sondern mit einem kurzen und prägnanten Titel gratulieren.

Soweit so schlecht. Alles ziemlich düster. Von den Zahlenverhältnissen bis zu den Bullen. Insofern wundert es nicht, dass aus dem schönen Elbflorenz auch düstere Musik kommt und das schon seit den tiefsten DDR – Zeiten.

Gestern gabs das live im Supamolly. KALTFRONT kenne ich aus den 90ern. Damals interessierte ich mich für Musik aus der DDR. Ich wollte eben kein Wessi werden. Ich habe aber schnell herausgefunden, dass der alte Ostrock zu großen Teilen langweilig, schnulzig und – für mich als 14-15 – jährigen wichtiger – bei meinen Mitpubertierenden sozial inkomatibel war. Punk hingtegen hörten viele. Ostpunk war ein Kompromiss. Und so hörte ich das ganze Zeug von FIRMA bis SCHLEIMKEIM, von ERNÄHRUNGSFEHLER bis ICHFUNKTION. Und eben KALTFRONT, deren Tapes ich in einem dresdner Plattenladen fand. Zu diesem Zeitpunkt gab es KALTFRONT auch nur noch auf Kassetten, was ich bedauerte, weil dieser Abgesang auf die DDR irgendwie auch mein Lebensgefühl als Postwende-Jugendlicher traf.

Vor ein paar Jahren konnte ich sie live in der Groove-Station in Dresden sehen und fand es so halb gut. Wie das eben so ist mit den alten Helden, die die Songs ihrer Jugend spielen. Gestern hab ichs im SUPAMOLLY noch mal probiert. Dieses war gut Gefüllt und das Publikum war eine Generralversammlung der alten Punks. Beinahe jedenfalls – es fehlten auch ein paar. Für EUGENE RIPPER, der davor spielte kam ich zu spät. Dafür konnte ich KALTFRONT in voller länge betrachten und ers hat mir besser gefallen als 2005 Dresden. Druckvoll und aufgeräumt spielten sie etwa zur Hälfte alte und neue Sachen. Und obwohl mich /(wie den Großteil des Publikums) die alten Songs mehr mitgenommen haben, freue ich mich, dass KALTFRONT nicht einfach stehengeblieben sind. Dann könnte ich ja auch einfach die alten Tapes hören. Ich hatte im Anschluss noch die Gelegenheit bei der Gardarobe ein wenig mit Jörg herumzulungern und ein paar Worte zu wechseln. Ich habe versucht, in meinem Notitzbuch einigermassen mitzuschreiben.

Da das Konzert mit einem Lied von PARANOIA aufhörte, das ich als Jugendlicher gehasst habe, musste ich auch gleich danach fragen:

Jörg: Mit Kaltfront hat das wenig zu tun. Es ist punkkritisch aufgrund der Erlebnisse, die wir hatten. Die kreative Phase war schnell vorbei. Bald war es nur noch Abklatsch. Wir hatten noch mehr songs wie den. Das ist auch nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Auch jetzt noch. Beim Ostpunk Open Air in Rochlitz hat einer gepfiffen und gerufen: „Spaltersong!“ und „Kidpunks sind auch wichtig“ oder so.

Wie kam dass eigentlich, dass Ihr nach so langer Zeit wieder zusammen gespielt habt?

Jörg: 2005 in der Grove-Station war inoffiziell. Obwohl es sich ganz gut herumgesprochen hatte. Das war auch so ein Test. Zwei Monate später spielten wir dann im Kurländer Palais, früher der Jazzklub Tonne. Eigentlich kam die Idee weniger von uns, sondern von Freunden. Zuerst wollten wir für einen Geburtstag von einem von uns spielen, das hat aber noch nicht geklappt. Daß wir wieder zusammenspielen war weder logisch noch vorhersehbar. Wir hatten uns auseinandergelebt und auch zum Teil mit der Musik nichts mehr zu tun gehabt. Das war dann eine… eine günstige Strömung, dass das zusammengekommen ist.

Wenn Du die Punkszene von heute und damals vergleichst. Was hat sich verändert und was is gleich geblieben?

Jörg: Schwierige Frage. Das „Früher“ kannte ich ja nur aus der Ostpunkperspektive. Da war im Westen ja schon mal Einiges anders. Mich würde ja mal interessieren, wie es jetzt wäre, wenn noch Osten wäre… Eigentlich hat sich äußerlich nicht viel verändert. Es gibt viel Abklatsch und es gibt diese Aufspaltungen: Hardcore, Gothic… Aber diesen Pioniergeist gibt es nicht mehr. Das ist ja wie mit Elvis. Der galt auch mal als Rebell und war dann nur noch Schlager. So ist es zum Teil auch mit Punk heute.

Was hörst Du eigentlich jetzt für Musik?

Jörg: Ne Zeit lang hab ich so 50er/60er Musik gehört. Schwarzer Blues vor Elvis. Das war im besten Sinn Schock! Ich war positiv überrascht, dass es solche Mucke vor Elvis gab. Oder so Soul, Reggae… viel altes Zeug. Wenn Bands jetzt auf 50er/60er machen ist das eher Klamauk und Kostümierung. Zur Zeit höre ich alles was runter zieht. Lustige Musik nervt mich meistens.

Es gibt ja viele alte Kaltfront – Songs, die Leute berührt haben oder sie berühren und die Ihr nicht mehr spielt. Für mich z.B. war „Karriere“ total wichtig, obwohl das jetzt musikalisch kein Weltwunder war…

Jörg: Manchmal wünsche ich mir, dass wir für manche Texte bessere Musik gemacht hätten. Wobei ich nicht weiß, ob wir das damals überhaupt konnten. Damals waren wir froh, wenn wir aus dem Proberaum kamen und drei neue Songs hatten. Die waren dann aber auch schnell zusammengebastelt. Heute haben wir ein paar alte Songs neu gebaut. Ist aber immer die Frage wieviel Arbeit in man in die alten Songs steckt.
Es gibt auch Leute, die finden, daß das auf den alten Kassetten besser geklungen hat. Ist für mich ganz interessant, was für Eigenschaften die Leute so nennen. Am Ende sollten wir nicht versuchen etwas zu kopieren, sondern einfach unser Ding machen.

Zum Schluss: Ihr kommt ja aus Dresden und da kommt man so schlecht dran vorbei. Pegida hat Geburtstag und dieser Bachmann ist ja in etwa Eure Generation…

Jörg: Wir kennen den nicht! Aber das alles in Dresden verwundert mich nicht. Auch nich wie weit das geht. Manchmal ist es erstaunlich wer da hingeht und darüber zerstreiten sich Freundeskreise und Familien. Manche Leute waren ja sehr Überrascht. Die wohnen in der Neustadt und kommen da nicht raus. Ich wohne eher außerhalb und sehe diese Leute jeden Tag. Auch schon vor Pegida. Ich glaube Dresden ist ziemlich prädestiniert dafür.

Warum?

Jörg: Ich habe keine gute Meinung von Dresden. Es ist schwer, das genau zu beschreiben. Diese konservative nörgelige Grundstimmung gegen alles Fremde, alles Neue. Pegida ist da die logische Folge. In jeder Famlie gibt es Leute, die so drauf sind. Bei Familienfesten oder Kneipengesprächen bist du ganz schnell bei „Ausländer raus“. Die Flüchtlinge sind da nur der Anlass. Hätte es keine Flüchtlinge gegeben, hätten sie was anderes gefunden…

Jetzt kommen Jörgs Kollegen mit der Technik vorbei. Jörg entschuldigt sich und trägt mit. Danke für das Interview! Ich hoffe, ich hab alles halbwegs gut wiedergegeben. Das Supamolly hat sich unterdessen deutlich geleert. Trotzdem treffe ich noch ganz alte Freunde mit denen ich noch langsam durch Friedrichshain schlendere… Schöner Abend! Danke KALTFRONT!

Eigentlich hätte ich Jörg gern noch ein paar Sachen gefragt. Z.B. wie er die ganzen neu herausgekommene Reflektionsliteratur zur Wende sieht. Gerade 89/90 von Peter Richter, dass ja in Dresden spielt und in dem Kaltfront auch vorkommen. Von Jörg hab ich noch einen Text in der REVOLUTION TIMES (ein verblichenes rätekommunistisches Redskin-Zine aus Lübeck) über frühe Skinheads in der DDR gefunden. Auch da viel Stoff für lange Interviews. Vielleicht besser so – wer soll das am Ende alles lesen. Oder eben ein anderes Mal.

Nun muss noch ein kleiner Abspann ran. die Klarstellung am Anfang ist von KÖTERKACKE und ich habs mit Smail Shock für SOLLBRUCHSTELLEN noch mal aufgenommen.

Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 1)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Hier in Bautzen ist es schön. Meine Mutter umsorgt uns liebevoll und die Altstadt ist wunderbar zum Spazierengehen mit Carola auf dem Arm. So viele alte Häuser, Türme, die Ortenburg. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber ich vermisse Dich. Was macht Jürgen? Ist er immer noch ein Elch? Komm doch mal 3 Tage nach Bautzen zur Erholung, dann kann ich dich endlich in echt umarmen.
Letztens waren wir in Dresden. Meine Mutter musste dort was einkaufen und ich dachte, daß so ein Tapetenwechsel eigentlich nichts Schlechtes ist. Woran ich nicht gedacht habe: Es war Montag. Ich schlendere also ganz gemütlich über den Neumarkt und da sehe ich ihn. Leibhaftig. Lutz Bachmann auf einem Pritschenwagen. Lutz Bachmann der quatscht, schreit und weiß wo es langgeht! Ich sage Dir, Martina: Das mit der Lügenpresse stimmt! Nicht weil die Presse schlecht über Pegida schreibt, sondern weil sie zu nett schreibt. Ich habe noch nie so abstruse Hetze aus einer derart seltsamen Parallelwelt gesehen. Die Hölle auf Erden. Wenn ich nur dran denke, muss ich fast Kotzen. Ein Glück, dass Carola schläft. Zuerst die Pegida-Hymne. Bombastischer Schwulst mit Kirchenglocken. Dann Debritz mit den Auflagen. Dann Wortfetzen: „Die Arbeitsscheuen Schreikinder“ – Das bin wohl ich. „ABSCHIEBEN!“ – Sprechchöre aus tausend Kehlen. Die Grenze müsse „geschlossen und ein Prozess der Remigration in Gang gesetzt werden“. „Die vergewaltigenden Horden von Nordafrikanern.“ Genau. DIE Nordafrikaner. Alle! Mir bleibt bei soviel unverblümten Rassismus die Spucke weg. Aber auf der Bühne – da gehts weiter. Hitler sei ein Anhänger des Islams gewesen und Pegida eine Art antifaschistische Bewegung. Aha. Frauenrechte werden gepredigt von Leuten, die sich noch nie dafür interessiert haben. Arabischer Antisemitismus wird kritisiert von den Meistern der Weltverschwörungstheorie. „Sie kommen um Europa zu besetzen“ wird ein ungarischer Bischof zitiert. „Wir bleiben um zu siegen und wir werden siegen“. Rufen die Pegidisten. Jetzt kommt Petra. „Die deutschen Männer sind keine Sexmonster“, sagt sie und hat eine interessante Mischung aus Versatzstücken des DDR-Feminismus und Rassismus zu bieten. Das Publikum ruft „Volksverräter!“
Petra: „Wir werden es nicht hinnehmen, das in unserem schönen Sachsen…“ Der Rest geht im Chor der Pegidisten unter. WIDERSTAND! schreien sie. Im schönen Sachsen, denke ich. Wo zwischen Polizei und Pegida kein Blatt passt. Wo sie sich mit Handschlag grüßen und das Problem immer die „Linksextremisten“ sind. Es ist schwer diesem Bachmann zuzuhören. Immer frage ich mich, ob er jetzt nicht langsam mal sagen sollte, dass das nur ein Sozialexperiment der Titanic oder so war. Das er sie alle verarscht hat. Aber nein. Für ihn und die selbstbewußten 1500 sächsischen Bürger, die da auf der Straße stehen, ist das was Bachmann und andere von der Bühne Kotzen die Realtität.
Was soll man da machen? Ich weiß es auch nicht, liebe Martina. Komm mich trotzdem mal in Bautzen besuchen. Da ist es schön mit all den Türmen. Unsere Tochter wächst und gedeiht. Aber ich frage mich manchmal, in was für eine schreckliche Welt wir sie hineingeschickt haben.

tausend Küsse und Umarmungen
Deine Anja

Gefahrengebiet im Weinballon

Es muss hin und wieder Konzerte geben, wo alles stimmt. Im Supamolly fängt das mit dem Bandessen, den Räumlichkeiten und der Technik an und geht mit den KollegInnen weiter. Mit Alarm habe ich schon im dresdner AZ Conni zusammengespielt. Ich bin froh, dass es solche Leute und Bands in der Pegida-Metropole gibt und freue mich sehr, dass sie es mal nach Berlin schaffen.

Mit Nellski aus Nekölln hab ich auch ein bisschen Geschichte. Radiosendungen, Auftritte und z.B. diesen Song:
…oder dieses improvisierte Werbefilmchen mit improvisierter Geige:

Wenn alles gut geht, gibts im Supamolly eine Gefahrengebiet – Remix – Premiere. Schaumwama.

Themenwechsel. Wer Zeit hat, der fahre nach Budyšin/Bautzen. Irgendwer muss den RassistInnen dort Einhalt geben. Das „Wočiń woči“, dass es dieses Jahr am 12. November wieder geben wird ist zwar ne gute Sache, reicht aber ganz offensichtlich nicht aus. Trotzdem ist es wichtig, dass es auch dieses Jahr stattfindet. Ich hoffe es wird wieder so ein Ort, an dem Geflüchtete zusammen mit sorbisch- und deutschsprachigen Jugendlichen moshen und Stagediven und alles andere verschwimmt. Wenigstens ein kleiner Lichtblick an der Spree. Das wäre doch schön.