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„Kein Wunder, dass Hass entsteht“

Heute bat mich Veselin um ein paar Worte zur Rigaer für den „Lauten Bautzner“. Gern geschehen:

Ende Juni hielten junge Bautzenerinnen und Bautzener ein Plakat in der Hand, auf dem „Solidarität mit der Rigaer“ stand. Gestern nun, in der Halbzeitpause des EM-Finales, die Meldung in den Tagesthemen über gewaltsame Ausschreitungen bei einer Soli-Demo ebenfalls wegen der Rigaer-Straße.

Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen an einen, der seit langer Zeit in der Rigaer-Straße in Berlin-Friedrichshain wohnt: Paul, Mitglied der Band „Berlinska Dróha“, als Solokünstler „Geigerzähler“ unterwegs und jetzt im LaBa-Interview.

Paul, was ist da los, in Berlin?

Es geht um die Teilräumung eines ehemals besetzten Hauses in Berlin, das schon in den vergangenen Jahren Gegenstand von Auseinandersetzungen war. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Verknappung und Verteuerung bezahlbaren Wohnraums. In diesem Gentrifizierungsprozess werden große Teile der Bevölkerung aus den innerstädtischen Bezirken gedrängt. Das betrifft die Ex-Besetzerin genauso wie den Pfleger oder die Verkäuferin von nebenan. Allerdings gibt es in den ehemals besetzten Häusern auch eine lange Geschichte des Widerstandes dagegen.

Du sagst Ex-Besetzer – die Menschen vor Ort haben also gültige Mietverträge?

Na ja. Es gab mal Verträge für das ganze Haus und einen Rahmenmietvertrag. Dieser Anfang der 1990er etwas eilig geschriebene Vertrag wurde aber irgendwann in den 2000ern vom damaligen Eigentümer angefochten. Insofern gibt es jetzt noch Einzelmietverträge. Die „Kadterschmiede“ wurde vom Verein „Freunde der Kadterschmiede“ genutzt und eine Räumung ohne vorherige Klage und Gerichtsvollzieher ist vom Rechtssystem eigentlich nicht vorgesehen. Insofern kann man schon davon sprechen, dass dem Innensenator Henkel sein Wahlkampf – im September sind Wahlen in Berlin – wichtiger ist, als die eigenen Gesetze und Regularien. Aber das hatten wir schon mal in den 1990ern, als der damalige Innensenator Schönbohm bei der Räumung der besetzen Häuser auch nach dem bekannten Autonomenmotto „Legal, Illegal, Scheißegal“ vorgegangen ist. Anschließend haben Bewohnerinnen und Bewohner mancher geräumter Häuser 5 Jahre später auch verschiedene Klagen gewonnen. Aber die inzwischen geschaffenen Fakten wurden natürlich nicht rückgängig gemacht. Insofern verwundert es nicht, dass sich das Vertrauen vieler Ex-Besetzerinnen und -Besetzer in den „Rechtsstaat“ eher in Grenzen hält.

Zuletzt wurde das Gebiet rund um die Rigaer-Straße zum sogenannten „Gefahrengebiet“ ernannt – eines deiner Lieder handelt davon. Hatte diese polizeiliche Zuschreibung auch mit der Räumung der Häuser zu tun? Und wie lebt es sich eigentlich in so einem Gebiet voller Gefahren?

Das gibt es ja schon länger. In der Rigaer gab es die ganze Zeit willkürliche Personenkontrollen. Das ging so weit, dass die Kinder von Freunden morgens vom Schrippenholen nicht wiederkamen, weil sie in einer Ausweiskontrolle feststeckten. In meinem Lied fasse ich das ja ganz gut zusammen:

Kulminiert ist das Ganze dann im Februar mit diesem Angriff auf den Streifenpolizisten. Was auch immer da geschehen ist – der Mann konnte seinen Dienst fortsetzen. Die anschließende „Hausbegehung“ mit SEK-Einsatz mitsamt Stürmung der Wohnungen vollkommen unbeteiligter Nachbarn war insofern völlig Unverhältnismäßig. Tags darauf verhinderte die Polizei sogar ein öffentliches Kuchenessen und stürmte die Rigaer 94 erneut. Grund war der Wurf eines Müllbeutels aus dem Fenster – mit Ankündigung und weit weg von jeglichen Beamten.

Kein Wunder, dass da Hass auf die Polizei entsteht.

Bleiben wir gleich dabei: In der Einleitung sprach ich es an, die Demo „Rigaer 94 verteidigen – Investorenträume platzen lassen“ vom vergangenen Samstag, an der etwa 3.500 Menschen teilnahmen. Die Berliner Polizei sprach von der gewalttätigsten Demonstration der letzten 5 Jahre, 123 Beamte sollen verletztet worden sein. Wie war dein Eindruck?

Natürlich war die Demo wütend. Und bei der Polizei gab es jede Menge Leute, die genau Bock auf einen Adrenalinkick hatten. Insofern ist genau das passiert was abzusehen war in dieser Gemengelage. Die Polizei stürmt wegen kleinerer Straftaten die Demo, die DemonstrantInnen wehren sich. Es gibt Verhaftungen und Verletzte auf beiden Seiten. Wobei ich die Verletzungsstatistik der Polizei mit Vorsicht genießen würde, wofür spricht, dass die meisten verletzten Polizistinnen und Polizisten ihren Dienst einfach fortgesetzt haben. Die durch Prügelattacken und Pfefferspray verletzten DemonstrantInnen verschwinden dann einfach.

Gibt es denn irgendwelche Lösungsansätze, die diesen Konflikt für alle Seiten – also für die Bewohner, für die Hauseigentümer und für die Stadtpolitik – halbwegs positiv ausgehen lassen könnte?

Darüber könnte man reden, wenn Henkel die Polizei aus dem Haus zurückzieht und damit aufhört, eine ganze Straße zu schikanieren.

Vielen Dank für das kurze Gespräch und die Einblicke.

Das Gefahrengebiet, Tapete, das Kundgebungsfestival und ich

Hm. Irgendwie war ich im Stress und schaue so komisch nach oben. Gefahrengebiet spiele ich gemeinsam mit Sahara B. gewissermassen im Schnelldurchlauf. Auch ne interessante Version. Wir hatten Zeitverzug und noch etwa 15 Acts vor uns. Alles in allem aber eine schöne Veranstaltung. Wunderbar, dass so viele MusikerInnen und TexterInnen den Weg ins Gefahrengebiet gefunden haben. Tapete:

In VLOG #8 unterhalten wir uns von Ort mit Geigerzähler über die Machenschaften von Frank Henkel und seinen Vasallen im „Gefahrengebiet“ Rigaer Straße und solidarisieren uns ausdrücklich mit den Bewohner_innen der Rigaer94. Außerdem geht es noch um den täglichen Hustle von TAPETE. *Kommt alle zur Demo für die Rigaer94 – Start: Samstag, den 9.7., 21Uhr am Wismarplatz!*

Mit Tapete hab ich ja vor ner Weile auch mal ne Aufnahme gebastelt:

Entspannung mit dem Weißkohlraumschiff

In dem ganzen Chaos in der Nachbarschaft braucht es auch hin und wieder Entspannung. Mit Berlinska Droha waren wir vor zwei Jahren in Belarus und haben da unter anderem in den Wäldern bei Minsk gespielt. Robert Eckstein hat daraus ein sehr poetisches Video gemacht. Viel Spaß:

Nach dem Krafttanken: Heute Videokundgebung, am 4. 7. „Wir wollen Wohnungen“ – Demo von Geflüchteten, die sich nicht zuletzt mit der vor der Räumung als Infrastruktur genutzten Kadterschmiede solidarisieren und natürlich am Dienstag das Großartige „Weg mit der Ohnmacht“ – Festival. Ansonsten jeden Abend um neun scheppern gegen Gefahrengebiet und Räumung. Wir sehen uns!

„Weg mit der Ohnmacht“

Bei Indymedia gefunden. Verfasst von einem gewissen Jürgen Kadeweit. Ach ja… Ich spiel da auch! Mit Berlinska Droha und auch Solo!

Vor über einer Woche wurde die Rigaer 94 teilgeräumt. Seitdem ist eine Menge passiert: Spontane und angemeldete Demos, Sachschäden, solidarisches Topfschlagen, Pressekonferenzen, Hausverbote für die Staatsgewalt beim Bäcker an der Ecke, ein solidarisches HipHop-Konzert und vieles mehr.
Am 5. 7. wird der Fall erstmals vor Gericht behandelt. Vertrauen in die Justiz ist allerdings nicht angebracht. Die Justiz ist schließlich dazu da, den reibungslosen Ablauf des Kapitalismus im Sinne des Kapitals zu lösen. Wir haben das schon bei der Liebig 14 gesehen. Was auch immer bei der Kadterschmiede herauskommt – wir müssen weiter auf der Straße bleiben und Zwangsräumungen, Gefahrengebieten und dem gesellschaftlichen Rechtruck unseren Widerstand entgegensetzen. Dafür werden wir einen langen Atem brauchen.
Ein kleiner Baustein auf diesem Weg soll ein Konzert am 5. 7. an der Ecke Rigaer/Liebigstr. (Dorfplatz) zwischen 14:00 und 22:00 sein. Mittlerweile haben schon einige interessante Musiker_innen und Texter_innen ihr Kommen angekündigt:

Sahara B.
(Texte aus der Absurdität des Alltäglichen), Anderersaits (Singer/Songwriter), Yok (Kleinkunstpunk), Die Diebin (Geige und Gesang), Das Friedel (Beatbox), Konny (Kleinkunstpunk), Miss Jasmine Pearl (Chansons), Tintenwolf (Texte und Weltrevolution) Geigerzähler (Geige und Gesang aus dem Gefahrengebiet), The Incredible Herrengedeck (Chansons aus Berlin), Robert Klages (Lesebühnentexte), Berlinska Dróha (Chansons, Folk, Punk aus Berlin/Łužica), Dampf in allen Gassen (anarchoakustischer Patchworkpunk)…

Weitere werden hinzukommen. Außerdem wird es Redebeiträge zur aktuellen Situation, zu stadtpolitischen Themen und dem Widerstand gegen Genrifizierung und Repression geben.
Auch am Beginn der Veranstaltung wird es sehenswerte Acts geben! Wenn Ihr sie sehen wollt – kommt pünktlich.
Am 5. 7. sind noch weitere Aktionen in Planung. Achtet auf Ankündigungen. Außerdem wichtig: Die Demo am 9. 7.. Hier könnte so einiges zusammenkommen.

No Pasaran!
Für den libertären Kommunismus!

Update: Das Ganze entwickelt sich in Richtung einer kl. Festivalkundgebung. Vielleicht nicht das Schlechteste nach der Fusion. However: zwei weitere schicke Bands haben zugesagt: Szadensersatz in Form von Gerümpel (Fahrstuhlmusik aus dem Gefahrengebiet) und Nunofyrbeeswax (Garage/Berlin).


Quelle

Danke Polizei! Danke! Danke! Danke!

Haste dir schön ausgedacht, Herr Henkel. Spitzen Propaganda-Coup. Ganz wundervoll. Alleine oder zusammen mit dem Eigentümer John Dewhurst, der laut Indymedia mal Apartheid – Staatsanwalt war. Dumm nur, dass laut „Friedrichshain hilft“ und „Moabit hilft“ die Wohnungen überhaupt nicht an Flüchtlinge vermietet werden können. Die Presseerklärung:

Am heutigen Morgen erreichte uns die Nachricht, dass das Haus Rigaer Straße 94 derzeit geräumt wird. Die Berliner Polizei rückte mit einer 300 BeamtInnen starken Mannschaft an. Eine ungeklärte Anzahl von Securities war in diesen Einsatz involviert.

Laut unserem jetzigen Kenntnisstand und Aussage der Hausverwaltung, geht es darum, 2 Mieteinheiten im Erdgeschoss unter Polizeiaufsicht zu sanieren, um danach dort bei einer ortsüblichen Miete, Flüchtende unter zu bringen.

Friedrichshain hilft e.V.i.G. und Moabit hilft e.V. sind von dieser Maßnahme, flüchtenden Menschen Wohnraum zu schaffen, nicht in Kenntnis gesetzt worden. Seltsam ist die Tatsache, dass die ortsübliche Miete für eine Kostenübernahme der Träger (LAGeSo, Jobcenter) nicht im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben liegt und somit nicht für Flüchtende genutzt werden kann.

Friedrichshain hilft e.V.i.G. und Moabit hilft e.V. verbindet eine sehr enge Beziehung zur Rigaer Straße 94, da die Bewohner als Erste kostenlosen Wohnraum für Friedrichshain hilft e.V.i.G. als Spendenkammer zur Verfügung gestellt und besonders schutzbedürftigen Flüchtenden mittelfristig Unterkunft gewährt haben.

Die Aktion der Berliner Polizei in Zusammenarbeit mit der Hausverwaltung erscheint uns zynisch, da die Rigaer Straße bis dato von Flüchtenden als Begegnungs- und Rückzugsort rege in Anspruch genommen wurde.

Wir verurteilen das Verhalten des Senats und der Hausverwaltung aufs Schärfste.
Die genannten Wohnungen können nicht als Unterkunft für Flüchtende genutzt werden, deswegen gehen wir davon aus, dass dieser Einsatz lediglich dazu dient, die Bewohner des Hauses weiteren Repressalien zu unterziehen, damit diese das Haus selbstständig verlassen. Quelle

Bleibt zu hoffen, dass es die Runde macht, dass die Geflüchteten nur ein billiger Vorwand für die Räumung sind. Ich denke dass sich die BerlinerInnen nicht so billig verscheißern lassen. Dass es Henkel nicht nützen wird hoffe ich auch. In diese Richtung weist die CDU-wählende Kollegin einer Bekannten, die ihn genau wegen der Rigaer für einen Volltrottel hält. Die schäumenden nationalistischen Wutbürger auf Twitter und Facebook wird das natürlich nicht vom Schäumen abhalten. Aber die wählen eh AfD, daran wird sie auch ein bisschen Jubel über den Innensenator nicht hindern.

Mittelweile gibt es auch eine Stellungnahme der benachbarten Liebig 34. Einen sehr schönen Text zur Räumung gibts beim Kraftfuttermischwerk. Detailreiche Infos zur Räumung sowie eine erste Einschätzung stehen in der Presseerklärung der Rigaer 94. Von der 94 kommt auch eine „Einladung zum weiteren Vorgehen“.

Wie es aussieht, müssen wir uns auf eine längere Belagerung im Haus einstellen. Wir appellieren in erster Linie an eure Kreativität, wenn ihr uns unterstützen wollt, so dass wir das Haus wieder in Beschlag nehmen können. Sowohl vor Ort als auch dezentral lässt sich sicherlich Druck aufbauen.

Wir haben zwei konkrete Ideen:

1. Morgen, um ca. 7 Uhr wird der Bautrupp wieder hier einmarschieren, um unser Haus weiter zu zerstören bzw. aus der Kadterschmiede und der Werkstatt Wohnungen zu machen. Frühaufsteher_innen können die Bauarbeiter davon abhalten, dass sie hier reinkommen. Kommt an die Zufahrtswege und lasst uns nicht alleine mit den ganzen Schweinen.

2. Wir würden gerne morgen, Donnerstag, um 22 Uhr in den Hof zur normalen Donnerstags-Küfa einladen. Kommt rein! Ihr seid herzlich eingeladen! Außerdem: sobald die Bullenabsperrungen lockerer werden, egal ob in 1, 2 oder 10 Tagen, laden wir alle in unseren Hof ein, um das Haus von Bullen und Securities zu befreien.

Schlussendlich wollen wir noch darauf hinweisen, dass schon seit längerem am 9.7. eine Demo gegen Gentrifizierung in der Rigaer Straße geplant ist. Es geht konkret gegen den Neubau der CG-Gruppe gegenüber von LIDL. Sicherlich aber könnte dieser Tag auch dazu genutzt werden, unsere Wut gegen den Polizeiterror auszudrücken, der die Gentrifizierung begleitet.

Anti-EM-Tour 2016

Bahnhof Frankfurt/Main: nach 9 Stunden Zugfahren möchten wir eine rauchen. Dringend! Also raus auf den Bahnhofsvorplatz zwischen die schwarzrotgoldenen Wimpel, die sich mit Betrunkenen mischen, wie wir sie schon lange nicht mehr auf einem Bahnhofsvorplatz gesehen haben. Irgendwie romantisch, diese Betrunkenen, die in FFM anscheinend noch in Ruhe gelassen werden. Dazwischen eine Gruppe muskulöser junger Männer die eingehüllt in polnische Fahnen mit großer Eleganz jungmännerhafte Posen zelebrieren. Daneben wir. Endlich rauchen.

Zwei U-Bahnstationen weiter: Wir suchen einen Keller in diesem 50er-Jahre Unigebäude und finden ihn nicht, bis uns Holger vom unter_bau abfängt und hineinführt. Der Protestkeller, in dem wir heute auftreten werden, ist eine interessante Mischung aus „subkulturellem Kitsch und antiquarischem Chic“ (Holger). Vor einem ebenfalls antiquarischem roten Vorhang werden wir auftreten. Vorerst ist aber noch eine Infoveranstaltung vom unter_bau und wir müssen leise sein. Wir sind gespannt, was das heute Abend werden soll so als Gegenveranstaltung zum Deutschlandspiel. Die Veranstaltung selbst ist klein aber fein. Etwa 20 Leute lauschen, wir lesen und spielen über 2 Stunden und hängen dann noch eine zweite Runde dran. Anschließend Biertinken. Schön wärs gewesen ohne die letzte Flasche. Aber lassen wir das, denn heute ist ein neuer Tag.

An diesem Tag überrascht uns nicht nur unerwartet gutes Wetter, sondern auch eine unbeschreiblich gute Kombination aus Geige, Folk, politischem Gesang, Punkt und Lesebühne!

Wer könnte politischen Gesang, Folk, Punkt und Geige besser vereinen als: Geigerzähler, eine Hälfte des sorbischen Folk-Punk-Duos „Berlinska Droha“.
Wenn das nicht schon genüg wäre, aber nein!
Sahara B. formt das ganze, mit ihren längeren u. kürzeren (Kurz-)geschichten über die Absurdität des Alltäglichen, erst zu einer gelungenen musikalischen Lesebühne.
https://www.facebook.com/events/1096091640483535/

Morgen gehts dann weiter. Und zwar nach Witzenhausen.

Aus Witzenhausen kommt folgender Text:

Lass Dir keine Geschichten erzählen.

Doch! Sahara B. und Geigerzähler kommen durch unser Städchen und bringen Kunde aus dem fernen Frankfurt am Main, wo sie die Gründung der StudiGewerkschaft unterbau.org mit ihren Gedichten, Geschichten und Liedern über alltägliche Absurditäten begleitet haben werden.

Auf ihrer Heimreise müssen Sie die Werra über unsere Brücke queren. Als Wegzoll haben sie sich bereit erklärt auch uns mit ihren Künsten zu erfreuen und so öffnen sich für Euch am Samstag ab 20:30 die Pforten des Klubs.

Bringt Kind und Kegel, seid den Beutelschneider*innen gewahr und gehabet Euch wohl.

Euer Klub
beurkundeter Verein seit 1977

Wir sind gespannt.

Frankfurt (West)

Lange nicht mehr in Frankfurt gewesen. Nicht an der Oder – da komme ich immer auf dem Weg nach Polen vorbei. An Frankfurt am Main fahre ich auch manchmal vorbei, wenn ich auf dem Weg nach Freiburg oder in die Schweiz bin. Dann sehe ich ein paar Hochhäuser und bin wieder weg. Aber morgen halte ich an! Das ist schön, denn ich habe das Vergnügen, gemeinsam mit Sahara B. für den unter_bau zu spielen. Der unter_bau ist ein hoffnungsvolles gewerkschaftliches Experiment an der Frankfurter Uni.

Die ganze Sache ist recht kurzfristig zustande und ich bin gespannt was passiert. Konzert und Lesung starten gegen 21:00 im Protestkeller in der Mertonstraße 26.

Aus aktuellem Anlass, hänge ich noch einen Link dran, der ein bisschen Offtopic ist, andererseits auch wieder nicht. Denn auch der unter_bau solidarisiert sich mit den Streiks und Protesten in Frankreich: Orgie der Polizeigewalt – Eine Situationsbeschreibung von Bernard Schmidt.

Das gute Sachsen

In Hamburg fliegt die dritte verdeckte Ermittlerin nach Beendigung des Einsatzes auf. Irre. Auf Indymedia Linksunten und beim FSK gibts brauchbare Einschätzungen. Ich sitze währenddessen Zuhause herum und frage mich, ob es gut oder schlecht ist, dass sowas in Berlin nicht passiert. Soll ich jetzt willkürlich jede und jeden verdächtigen, der/die nicht den üblichen Szene-Stallgeruch hat? Lieber nicht! Dann hätten sie ja erreicht, was sie wollen. In der Hauptstadt wird unterdessen ein missliebiger Journalist durchsucht. Auch schön.

In Sachsen stellen sich diese Fragen noch mal ganz anders. Braucht die Polizei überhaupt Spitzel in der linken Szene oder ist sie zusammen mit dem Verfassungsschutz immer noch ganz damit beschäftigt, irgendwelche Kameradschaften aufzubauen, wie zu den seeligen Zeiten des NSU? Oder beides in symbiotischer Kombination? Keine Ahnung und nicht aufzulösen. Auf jeden Fall passieren im Freistaat auch ansonsten gruselige Dinge, die nicht im Aktenschredderer versinken, sondern ganz offen in der Zeitung stehen. Da sind selbst bürgerliche „Extremismusexperten“ nicht vor Maulkörben gefeit, die ihnen ein Richter mit AfD Parteibuch umhängt und das auch noch „wegen Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung“. Da mutet es dann schon fast harmlos an, wenn ein Bautzner Bauunternehmer die Antifa mit der SA vergleicht. Daß die CDU Pegida hinterherrennt und den Patriotismus als gesellschaftlichen Kitt wiederentdeckt, ist ja eher alltägliches sächsisches Hintergrundgeräusch, bei dem man kaum noch den Kopf hebt. Apropos: Gesellschaftlicher Kitt heißt dann sowas wie: „Wenn ich schon 60 Stunden arbeite und trotzdem kaum meine Miete/mein Häuschen/mein Auto bezahlen kann: Wenigstens bin ich Deutscher!“ Das gilt für die CDU und noch mehr für Pegida und AfD. Das wirtschaftliche Programm letzterer ist schlimmer als das der FDP und das will was heißen. Der Kitt, der den Bautzner Bauunternehmer mit Niedriglöhnern und Erwerbslosen zusammenkleistert, scheint in Sachsen noch besser zu kleben als anderswo: Nationaler Taumel statt sozialer Bewegung; Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. Das ist das Kissen, auf dem solche Leute wie unser Bauunternehmer es sich bequem machen und in aller Ruhe Menschen mit oder ohne deutschen Pass oder Herkunft ausbeuten können. Wunderbare „Leitkultur“! Die Anderen „müssen sich mit Haut und Haaren auf unser Land, auf unsere Gesellschaft einlassen“ und eingehüllt in schwarzrotgoldene Farben geht alles seinen neoliberalen Gang.

Soweit so deprimierend. Um so schätzenswerter und beinahe erstaunlich ist es, daß es unterm grünweißem Himmel sowas wie ein Antisachsen* gibt. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch im schönen Mittelsachsen. Dort, wo sich die Freiberger Mulde romantisch vom Erzgebirge kommend durch sächsische Hügel schlängelt, begleitet vom silbernen Band Regionalbahn, das auch in den stillgelegten Abschnitten noch nicht verrostet ist, weil hin und wieder noch ein paar Güterzüge fahren dürfen. Eben dort sind neben malerischen Burgen und Schlössern auch drei alternative Jugendzenten in Rosswein, Döbeln und Leisnig zu Hause. In Leisnig, das etwa in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden liegt**, gibt es dieses Wochenende ein süßes kleines Festival. Es ist mir eine Freude, morgen Nacht dort zu spielen. Denn nur das Antisachsen ist das gute Sachsen!

*Das ist hier in etwa in dem Sinne gemeint wie 1987 hinter dieser Mauer in Westberlin. In Mittelsachsen hat das dann aber weniger mit Steinen usw zu tun. https://www.youtube.com/watch?v=9c8458pMDps

**Hier gibts sogar noch ne Regionalbahn!!! Und die fährt bis spät in der Nacht!!!

Jürgen aus dem Kopfstand denkt über seinen letzten Job nach…

Jürgen, der sich in der vorherigen Kopfstandfolge vorübergehend als Andreas Meier versteckt hat, meditiert über seinen letzten Job:

Es ist 3 Uhr nachts. Jürgen macht Feierabend und setzt sich in den Monbijoupark. Nachdem er jetzt schon einen Monat bei dieser Bar am Hackeschen Markt gearbeitet hat, hält er endlich einen Umschlag mit Geld in der Hand. Nun ja, ungewöhnlich – in bar. Aber da er eine nicht existierende Person ist, kommt ihm das gerade recht. Er zählt nach und zückt sein Telefon um nachzurechnen. Jürgen hatte 6 Tage die Woche 10 Stunden gearbeitet. Und während er rechnet merkt er, dass er nur 5 Tage die Woche 8 Stunden bezahlt bekommen hat. Měrćin hatte also recht! Der hatte vor zwei Wochen gekündigt und vorher noch versucht, Jürgen zum Eintritt in die Gewerkschaft zu bewegen. Jürgen hätte das gern getan, aber was sollte er als nicht existierende Person in der Gewerkschaft? Jürgen wirft wütend einen Stein in die Spree. Vielleicht hätte er sich doch dieser Gewerkschaft anschließen sollen? Das waren doch diese Anarchisten von der FAU. Sollte Anarchistinnen eigentlich die offizielle Existenz oder Nichtexistenz von Personen kömmern?
Jürgen erinnerte sich an den Trouble im Restaurant, als diese FAU dann eine Kundgebung vor dem Laden machte. Wie der Chef dermaßen ausflippte, dass sogar die Ratten in der Küche aufhörten die herumstehenden Essensvorräte anzuknabbern und sich stattdessen erschrocken in den hintersten Winkeln verkrochen. Apropos Ratten. Das muss man mal öffentlich machen! Der Chef hatte dann Měrćin und die FAU verklagt. Herausgekommen war eine einstweilige Verfügung. Diese Arschlöcher! Austeilen, aber nicht einstecken können! Jürgen wurde immer wütender, warf weitere Steine in die Spree und murmelte Flüche vor sich hin.

Měrćin hatte recht! Der hatte ihm gestern dieses Flugblatt zugesteckt, daß die FAU am 4. Juni demonstrieren würde. Vom Hackeschen Markt zur Mall of Shame. Gewerkschaftsfreiheit statt Klassenjustiz! Klingt altbacken, aber es stimmt doch auch! Was hat irgendeiner der Kellner dieser Bar denn für eine Chance ganz allein den fehlenden Lohn einzuklagen? Aber der Chef kann lustig mit einstweilgen Verfügungen um sich werfen. Jürgen steht auf. Sein Oberkörper strafft sich. Scheiß auf die Mafia! Schluss mit Andreas Meier. Noch heute würde er zu Martina und Anja gehen und sich entschuldigen. Und morgen zur FAU. Jürgen läuft los.

Die Kopfstand-Soap von Sahara B., Der Papst, seine Frau und sein Porsche und mir gibt es immer am ersten Donnerstag im Monat um 20:00 in der BAIZ. Hin und wieder haben wir auch Gäste dabei. Nächste Folge am 2. Juni.

SOLLBRUCHSTELLEN IM GEFAHRENGEBIET

Kleine Releaseparty meines neuen Tonträgers Sollbruchstellen. Mit großartigen KollegInnen: Miss Jasmine Pearl (Cabaret Singer aus Brighton/Berlin), Alarm (Anarchofolk aus Dresden), Jakub (Der Sänger und Gitarrist von ČORNA KRUŠWA, der in diesem Fall alleine auf der Bühne steht), Friedel (Beatbox), Potter (Lieder), Sahara B. (Texte zur Absurdität des Alltäglichen), Der Papst, seine Frau und sein Porsche (Texte und Lieder aus der brandenburger Pampa), Ecktion (Plattenjonglage)

Außerdem gibts noch einen Session Space/Offene Bühne

23. 4. 2016
20:00 Sekt und Essen
ab 21:00 Lesung und Musik
Kadterschmiede in der Rigaer 94

Die CD wurde von Smail ShocK aufgenommen und wird bei Kulturkatze erscheinen. Die kleine, gewissermassen inoffizielle Releaseparty ist ein Solisplit gegen das Gefahrengebiet und für die FAU Berlin.

Ein Solisplit – warum, weshalb, wieso:

Gegen die einstweilige Verfügung eines Restaurants am Hackeschen Markt gegen die FAU Berlin

Wenn kleine und größere KapitalistInnen die bei ihnen angestellten ArbeiterInnen ausbeuten und dabei offensichtlich gegen das Arbeitsrecht verstoßen, haben sie großes Interesse, daß sie dies außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung tun können. Wenn sich ArbeiterInnen wehren und dabei versuchen, die Öffentlichkeit einzubeziehen, ist das Kalkül einfach: Sie haben Geld und Anwälte. Eine einstweilige Verfügung ist schnell geschrieben – auch wenn sie inhaltlich vollkommen hanebüchen ist. Für schlechtbezahlte ArbeiterInnen ist das eine teure und langwierige Angelegenheit. Aber es gibt Gegenmittel: Solidarität und gewerkschaftliche Organisierung. Dazu soll auch die Party ein Stückchen beitragen.
Ende Mai/Anfang Juni wird es dazu noch einmal eine größere öffentliche Aktion geben – haltet die Augen offen.

Gegen das Gefahrengebiet

Auch der (juristische) Widerstand gegen Henkels Wahlkampfaktionen in der Rigaer Straße ist eine geldverschlingende Angelegenheit. Auch hier gilt es solidarisch zusammenzustehen gegen einen Gegner mit erheblich größeren finanziellen Mitteln.

Sollbruchstellen

Sollbruchstellen sind in erster Linie eine besonders offensichtliche Absurdität kapitalistischer Warenproduktion. Gesellschaftlich betrachtet könnten Sollbruchstellen aber auch die Punkte sein, an denen die scheinbare Alternativlosigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung aufbricht. Vielleicht eröffenen Sollbruchstellen in diesem Sinne sogar den Blick auf neue Horizonte. Ob das ein Blick in die Hoffnung oder eine Dystopie ist, wird nicht zuletzt auch von der anarchistischen Bewegung durch ihre Praxis entschieden. Diese Praxis sollte nicht beim Feiern stehenbleiben. Gegen eine schöne Fete spricht das nicht.

Danke Polizei!

Eine knappe Woche vor dem Start, möchte ich mich schon mal prophylaktisch bei der Polizei bedanken (die hoffentlich anderweitig beschäftigt ist).

Das Lied ist haben wir als Atze Wellblech (der Papst, seine Frau und sein Porsche und ich) bei Aufnahmen am Tag nach der Räumung der Brunnenstr. 183 improvisiert. Bei dieser Räumung wurden auch die Fenster samt Rahmen aus dem Haus geworfen.