Archiv der Kategorie 'Gewerkschaft und Politik'

KvU Unplugged IV

02. 06. 19:00
in den Heiligen Hallen

Musik und Texte unter anderem von Ahne, Avi von Bukahara, Benny Baupunk, Dampf in allen Gassen, Eva Supertramp, Glittasphyxia, Geigerzähler, Konny, Motz Art Berlin, Paula, Potter, Prunx, Sahara B., Wayne Lost Soul, Yok


Überschüsse gehen an die FAU Berlin zur Deckung der Prozesskosten gegen die verdammte KAUFHALLE DER SCHANDE, die seit zweieinhalb Jahren immer noch nicht die Bauarbeiter bezahlt hat. http://berlin.fau.org

Facebook-Veranstaltung.

Leipziger Platz und langer Atem

Manche Geschichten dauern einfach zu lange. Zum Beispiel die mit der verdammten KAUFHALLE DER SCHANDE*, die noch immer nicht die rumänischen Bauarbeiter bezahlt hat. Als wir uns da bei eisigen Temperaturen** zu einem Soli KvU-Unplugged-Spezial getroffen, musiziert, Theater gespielt und Parolen gebrüllt haben, hofften wir noch auf schnelle Siege durch Solidarität und öffentlichen Druck.

KvU unplugged 2014 (vor der Mall of Shame) from R.E. on Vimeo.

Wir kommen immer wieder bis die Arbeiter ihr Geld kriegen, tönten wir damals. Gefühlte 100 Gerichtsprozesse, Demos, Kundgebungen, Soliparties und über 2 Jahre später kann ich als Musiker dieser Ansage Taten bzw. Songs folgen lassen, was mich freut. Ebenfalls erfreulich: Am 29. 4. wird es wärmer sein!

Eingebettet ist die Kundgebung in einen Aktionstag anarchosyndikalistischer Gewerkschaften zu Arbeit und Migration.

*Ich habe irgendwie die Hoffnung, dass sich die Besitzer der „Mall of Berlin“ ärgern, wenn ihr mässig beliebtes und besuchtes Shoppingmonster ganz ossimässig als „Kaufhalle“ bezeichnet wird
**Wichtig ist da zu beachten, dass das was die Bauarbeiter gemacht haben, ne ganz andere Liga war. Nicht wie wir MusikerInnen und FlyerverteilerInnen mal für ein paar Stunden in der Kälte – die waren jeden Tag dort!

Grüße nach Friedrichshain und Neukölln

Wir sehen uns am 22. 4. auf der Straße.

Und im Anschluss vielleicht im Supamolly.

Schöne Lausitz – Rjana Łužica – Rědna Łužyca

Das Wočiń woči rückt näher. Ich freu mich drauf. Auf Pisse und die anderen Bands und vor allem darauf, den Faschos wenigstens kulturell etwas entgegen setzen zu können. Zwischenzeitlich hat die Sache auch etwas Presseöffentlichkeit bekommen. z.B. in einer Reportage in der Jungle World.
Vielleicht geht in dieser Stadt aber auch mehr als nur kulturelle Gegnerschaft. Wers schafft, sollte auf jeden Fall schon einen Tag früher nach Budyšin fahren und demonstrieren. Die Linksjugend schreibt auf Facebook:

Es ist nun schon so weit, dass Rechtspopulist_innen und Nationalist_innen in Bautzen sich bewaffnen. Zu all dem kommt dazu, dass die sächsische Polizei den abgefeuerten Schuss anfangs noch versucht zu vertuschen. Es wird an der Zeit den Nazis und der Polizei zu zeigen was wir davon halten! Die Verhältnisse werden immer schlimmer und wenn nicht etwas dagegen getan wird, trifft der nächste Schuss womöglich noch einen Menschen.
Treff ist 18:30 Uhr am Bahnhof in Bautzen
Start: 19 Uhr
Wir freuen uns auf euch!

Über all das hat sich übrigens auch Jürgen aus dem Kopfstand Gedanken gemacht. Wenn man das so nennen will. Jürgen war nämlich unglaublich bekifft und da gehen die Gedanken ja manchmal seltsame Wege:

(mehr…)

Schlechtes Wetter, Elbflorenz! Geburtstagsgrüße und Kaltfront

Dresden wie immer. Pegida wird umarmt, Gegenprotest kriminalisiert. Es ist eben Dresden. Zum zweiten Pegida-Geburtstag möchte ich da nicht abseits stehen, sondern mit einem kurzen und prägnanten Titel gratulieren.

Soweit so schlecht. Alles ziemlich düster. Von den Zahlenverhältnissen bis zu den Bullen. Insofern wundert es nicht, dass aus dem schönen Elbflorenz auch düstere Musik kommt und das schon seit den tiefsten DDR – Zeiten.

Gestern gabs das live im Supamolly. KALTFRONT kenne ich aus den 90ern. Damals interessierte ich mich für Musik aus der DDR. Ich wollte eben kein Wessi werden. Ich habe aber schnell herausgefunden, dass der alte Ostrock zu großen Teilen langweilig, schnulzig und – für mich als 14-15 – jährigen wichtiger – bei meinen Mitpubertierenden sozial inkomatibel war. Punk hingtegen hörten viele. Ostpunk war ein Kompromiss. Und so hörte ich das ganze Zeug von FIRMA bis SCHLEIMKEIM, von ERNÄHRUNGSFEHLER bis ICHFUNKTION. Und eben KALTFRONT, deren Tapes ich in einem dresdner Plattenladen fand. Zu diesem Zeitpunkt gab es KALTFRONT auch nur noch auf Kassetten, was ich bedauerte, weil dieser Abgesang auf die DDR irgendwie auch mein Lebensgefühl als Postwende-Jugendlicher traf.

Vor ein paar Jahren konnte ich sie live in der Groove-Station in Dresden sehen und fand es so halb gut. Wie das eben so ist mit den alten Helden, die die Songs ihrer Jugend spielen. Gestern hab ichs im SUPAMOLLY noch mal probiert. Dieses war gut Gefüllt und das Publikum war eine Generralversammlung der alten Punks. Beinahe jedenfalls – es fehlten auch ein paar. Für EUGENE RIPPER, der davor spielte kam ich zu spät. Dafür konnte ich KALTFRONT in voller länge betrachten und ers hat mir besser gefallen als 2005 Dresden. Druckvoll und aufgeräumt spielten sie etwa zur Hälfte alte und neue Sachen. Und obwohl mich /(wie den Großteil des Publikums) die alten Songs mehr mitgenommen haben, freue ich mich, dass KALTFRONT nicht einfach stehengeblieben sind. Dann könnte ich ja auch einfach die alten Tapes hören. Ich hatte im Anschluss noch die Gelegenheit bei der Gardarobe ein wenig mit Jörg herumzulungern und ein paar Worte zu wechseln. Ich habe versucht, in meinem Notitzbuch einigermassen mitzuschreiben.

Da das Konzert mit einem Lied von PARANOIA aufhörte, das ich als Jugendlicher gehasst habe, musste ich auch gleich danach fragen:

Jörg: Mit Kaltfront hat das wenig zu tun. Es ist punkkritisch aufgrund der Erlebnisse, die wir hatten. Die kreative Phase war schnell vorbei. Bald war es nur noch Abklatsch. Wir hatten noch mehr songs wie den. Das ist auch nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Auch jetzt noch. Beim Ostpunk Open Air in Rochlitz hat einer gepfiffen und gerufen: „Spaltersong!“ und „Kidpunks sind auch wichtig“ oder so.

Wie kam dass eigentlich, dass Ihr nach so langer Zeit wieder zusammen gespielt habt?

Jörg: 2005 in der Grove-Station war inoffiziell. Obwohl es sich ganz gut herumgesprochen hatte. Das war auch so ein Test. Zwei Monate später spielten wir dann im Kurländer Palais, früher der Jazzklub Tonne. Eigentlich kam die Idee weniger von uns, sondern von Freunden. Zuerst wollten wir für einen Geburtstag von einem von uns spielen, das hat aber noch nicht geklappt. Daß wir wieder zusammenspielen war weder logisch noch vorhersehbar. Wir hatten uns auseinandergelebt und auch zum Teil mit der Musik nichts mehr zu tun gehabt. Das war dann eine… eine günstige Strömung, dass das zusammengekommen ist.

Wenn Du die Punkszene von heute und damals vergleichst. Was hat sich verändert und was is gleich geblieben?

Jörg: Schwierige Frage. Das „Früher“ kannte ich ja nur aus der Ostpunkperspektive. Da war im Westen ja schon mal Einiges anders. Mich würde ja mal interessieren, wie es jetzt wäre, wenn noch Osten wäre… Eigentlich hat sich äußerlich nicht viel verändert. Es gibt viel Abklatsch und es gibt diese Aufspaltungen: Hardcore, Gothic… Aber diesen Pioniergeist gibt es nicht mehr. Das ist ja wie mit Elvis. Der galt auch mal als Rebell und war dann nur noch Schlager. So ist es zum Teil auch mit Punk heute.

Was hörst Du eigentlich jetzt für Musik?

Jörg: Ne Zeit lang hab ich so 50er/60er Musik gehört. Schwarzer Blues vor Elvis. Das war im besten Sinn Schock! Ich war positiv überrascht, dass es solche Mucke vor Elvis gab. Oder so Soul, Reggae… viel altes Zeug. Wenn Bands jetzt auf 50er/60er machen ist das eher Klamauk und Kostümierung. Zur Zeit höre ich alles was runter zieht. Lustige Musik nervt mich meistens.

Es gibt ja viele alte Kaltfront – Songs, die Leute berührt haben oder sie berühren und die Ihr nicht mehr spielt. Für mich z.B. war „Karriere“ total wichtig, obwohl das jetzt musikalisch kein Weltwunder war…

Jörg: Manchmal wünsche ich mir, dass wir für manche Texte bessere Musik gemacht hätten. Wobei ich nicht weiß, ob wir das damals überhaupt konnten. Damals waren wir froh, wenn wir aus dem Proberaum kamen und drei neue Songs hatten. Die waren dann aber auch schnell zusammengebastelt. Heute haben wir ein paar alte Songs neu gebaut. Ist aber immer die Frage wieviel Arbeit in man in die alten Songs steckt.
Es gibt auch Leute, die finden, daß das auf den alten Kassetten besser geklungen hat. Ist für mich ganz interessant, was für Eigenschaften die Leute so nennen. Am Ende sollten wir nicht versuchen etwas zu kopieren, sondern einfach unser Ding machen.

Zum Schluss: Ihr kommt ja aus Dresden und da kommt man so schlecht dran vorbei. Pegida hat Geburtstag und dieser Bachmann ist ja in etwa Eure Generation…

Jörg: Wir kennen den nicht! Aber das alles in Dresden verwundert mich nicht. Auch nich wie weit das geht. Manchmal ist es erstaunlich wer da hingeht und darüber zerstreiten sich Freundeskreise und Familien. Manche Leute waren ja sehr Überrascht. Die wohnen in der Neustadt und kommen da nicht raus. Ich wohne eher außerhalb und sehe diese Leute jeden Tag. Auch schon vor Pegida. Ich glaube Dresden ist ziemlich prädestiniert dafür.

Warum?

Jörg: Ich habe keine gute Meinung von Dresden. Es ist schwer, das genau zu beschreiben. Diese konservative nörgelige Grundstimmung gegen alles Fremde, alles Neue. Pegida ist da die logische Folge. In jeder Famlie gibt es Leute, die so drauf sind. Bei Familienfesten oder Kneipengesprächen bist du ganz schnell bei „Ausländer raus“. Die Flüchtlinge sind da nur der Anlass. Hätte es keine Flüchtlinge gegeben, hätten sie was anderes gefunden…

Jetzt kommen Jörgs Kollegen mit der Technik vorbei. Jörg entschuldigt sich und trägt mit. Danke für das Interview! Ich hoffe, ich hab alles halbwegs gut wiedergegeben. Das Supamolly hat sich unterdessen deutlich geleert. Trotzdem treffe ich noch ganz alte Freunde mit denen ich noch langsam durch Friedrichshain schlendere… Schöner Abend! Danke KALTFRONT!

Eigentlich hätte ich Jörg gern noch ein paar Sachen gefragt. Z.B. wie er die ganzen neu herausgekommene Reflektionsliteratur zur Wende sieht. Gerade 89/90 von Peter Richter, dass ja in Dresden spielt und in dem Kaltfront auch vorkommen. Von Jörg hab ich noch einen Text in der REVOLUTION TIMES (ein verblichenes rätekommunistisches Redskin-Zine aus Lübeck) über frühe Skinheads in der DDR gefunden. Auch da viel Stoff für lange Interviews. Vielleicht besser so – wer soll das am Ende alles lesen. Oder eben ein anderes Mal.

Nun muss noch ein kleiner Abspann ran. die Klarstellung am Anfang ist von KÖTERKACKE und ich habs mit Smail Shock für SOLLBRUCHSTELLEN noch mal aufgenommen.

Soligedicht

Gute Nachrichten. Das kleine Gedicht ist jetzt zum Glück nur noch halb so dringend wie letzten Donnerstag, als ich es beim Kopfstand verlesen hab. Da aber grade die letzten beiden Strophen erst veralten, wenn die ganzen Justizvollzugsanstalten Steinhaufen oder Museen für die Geschichte der Repression sind, schmeiße ich es mal in das Netz:

Moabit und Bastille

In Moabit ist anscheinend noch alles beim Alten
dort wo die Schließer dein Leben verwalten
In Moabit ißt du neben dem Klo
Das Essen schmeckt nicht, doch das ist eben so.

Von weitem riechst du den Herbstwind, siehst ein fallendes Blatt
Merkst erst jetzt was man vom Draußensein hat
Wartest und wartest in Untersuchungshaft
Auf den Prozess, dann ists vielleicht geschafft

Dabei wolltest du draußen nur demonstrieren
wolltest ausnahmsweise mal nicht verlieren
Widerstand haben sie es genannt
jetzt sitzte hier und starrst an die Wand

Die Polizei, wenn sie will, die darf einfach machen
Zum Beispiel prügeln und andere Sachen
Wenn du zurückschlägst und sei’s mit ne‘m Spruch
Hast du ganz schnell mal nen Landfriedensbruch

Verzage nicht und sei niemals still
Es genügt ein Gedanke an die Bastille
Die war dann auch nur ein Trümmerhaufen
woran man sieht – es kann auch andersrum laufen

Verdammt! Wir hier draußen – wir müssen das schaffen!
Egal ob mit Worten oder mit Waffen
Wir müssen laut sein, geben keine Ruh:
FREIHEIT FÜR AARON UND BALU!

Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 2)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Sei umarmt. Carola geht es gut, aber sie vermisst Dich. Ich vermisse Dich auch. Ich liebe Dich und ich brauche Dich! Hast du die Presse verfolgt? Ich möchte in Deinen Armen liegen und quatschen. Wir haben uns gestritten, aber das ist egal. Hier in Bautzen habe ich manchmal das Gefühl, dass Du die Einzige wärst, die mich versteht. Schließlich kommst Du aus Freital und da ist es auch nicht besser. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH! schreien sie. Was für eine absurde Scheiße. Bautzen war nie nur deutsch und hieß bis vor 150 Jahren auch auf deutsch Budissin, bis das irgendwelchen stolzen Deutschen zu slawisch klang. Bautzen war immer bikulturell. Aber sie schreien BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH. Wahrscheinlich hat die Hälfte von ihnen selber sorbische Großeltern, aber das stört sie nicht. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH schreien sie und dem Bürgermeister, der von Grünen, SPD und Linken gegen die CDU gewählt worden ist, fällt nichts besseres ein, als mit den Arschlöchern zu reden und den Flüchtlingen Hausarrest zu geben. Ok. Die jugendlichen Flüchtlinge lungern auf dem Kornmarkt herum und trinken Bier. Haben wir das früher nicht gemacht? Als wir kleine Punker waren? Hat damals auch nicht jedem gefallen. Aber hat jemand über Hausarrest geredet? Ok, wenns Stress mit Faschos gab – du erinnerst Dich – waren wir meistens die Schuldigen. Wir hatten die beschauliche Kleinstadtruhe gestört, sagten die die, für Ornung sorgen wollten. Wie fast überall in Ostdeutschland. Insofern ist ja alles beim Alten geblieben. Wir haben uns damals auch nicht einfach zusammenschlagen und vertreiben lassen. Weder von den Bullen noch von den Faschos. So what! Das Problem, das die Faschos, die in der Presse liebevoll als „Einheimische“ bezeichnet werden mit den Flüchtlingen haben? Dass die Flüchtlinge da sind! Was sollen sie denn machen? Sollen sie sich vom Erdboden verschlucken lassen? BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH rufen die „Einheimischen“ und meinen alle, die nicht in ihre „national befreite“ Zone passen. In Bautzen haben sie sich bestens organisiert. Und zwar beim 3. Weg. Das sind die, denen die NPD zu lasch ist. Aber die Flüchtlinge sollen schuld an der Schlägerei sein. Zum Glück gibt es noch ein paar vernünftige Leute in und um Bautzen. Die organisieren dieses Festival unter dem Motte „Zhromadnje přećiwo rasizmej a fašizmej!“ am 12. November. „Gemeinsam gegen Rassismus und Faschismus“ heißt das. Die haben das schon mal gemacht vor anderthalb Jahren. Ist schön gewesen, liebe Martina. Alle moshten und stagedivten und es war völlig egal ob Sorbe oder Syrer, Afganin oder Deutsche. Sorbenmetal und Moshen – das war wichtig! Ich hoffe, es wird diesmal auch wieder so. Diesmal spielen unter anderem Pisse, die du ja auch so gerne magst. Kommste vorbei Martina? Dann könnten wir Carola für ne Weile bei meiner Mama lassen und zusammen Pogo tanzen. Tut uns bestimmt gut.

Machs gut. Sei geküsst und umarmt.
Deine Anja

PS: Damit das Ganze etwas plastischer wird, habe ich Dir noch einen Flyer mitgeschickt:

Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 1)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Hier in Bautzen ist es schön. Meine Mutter umsorgt uns liebevoll und die Altstadt ist wunderbar zum Spazierengehen mit Carola auf dem Arm. So viele alte Häuser, Türme, die Ortenburg. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber ich vermisse Dich. Was macht Jürgen? Ist er immer noch ein Elch? Komm doch mal 3 Tage nach Bautzen zur Erholung, dann kann ich dich endlich in echt umarmen.
Letztens waren wir in Dresden. Meine Mutter musste dort was einkaufen und ich dachte, daß so ein Tapetenwechsel eigentlich nichts Schlechtes ist. Woran ich nicht gedacht habe: Es war Montag. Ich schlendere also ganz gemütlich über den Neumarkt und da sehe ich ihn. Leibhaftig. Lutz Bachmann auf einem Pritschenwagen. Lutz Bachmann der quatscht, schreit und weiß wo es langgeht! Ich sage Dir, Martina: Das mit der Lügenpresse stimmt! Nicht weil die Presse schlecht über Pegida schreibt, sondern weil sie zu nett schreibt. Ich habe noch nie so abstruse Hetze aus einer derart seltsamen Parallelwelt gesehen. Die Hölle auf Erden. Wenn ich nur dran denke, muss ich fast Kotzen. Ein Glück, dass Carola schläft. Zuerst die Pegida-Hymne. Bombastischer Schwulst mit Kirchenglocken. Dann Debritz mit den Auflagen. Dann Wortfetzen: „Die Arbeitsscheuen Schreikinder“ – Das bin wohl ich. „ABSCHIEBEN!“ – Sprechchöre aus tausend Kehlen. Die Grenze müsse „geschlossen und ein Prozess der Remigration in Gang gesetzt werden“. „Die vergewaltigenden Horden von Nordafrikanern.“ Genau. DIE Nordafrikaner. Alle! Mir bleibt bei soviel unverblümten Rassismus die Spucke weg. Aber auf der Bühne – da gehts weiter. Hitler sei ein Anhänger des Islams gewesen und Pegida eine Art antifaschistische Bewegung. Aha. Frauenrechte werden gepredigt von Leuten, die sich noch nie dafür interessiert haben. Arabischer Antisemitismus wird kritisiert von den Meistern der Weltverschwörungstheorie. „Sie kommen um Europa zu besetzen“ wird ein ungarischer Bischof zitiert. „Wir bleiben um zu siegen und wir werden siegen“. Rufen die Pegidisten. Jetzt kommt Petra. „Die deutschen Männer sind keine Sexmonster“, sagt sie und hat eine interessante Mischung aus Versatzstücken des DDR-Feminismus und Rassismus zu bieten. Das Publikum ruft „Volksverräter!“
Petra: „Wir werden es nicht hinnehmen, das in unserem schönen Sachsen…“ Der Rest geht im Chor der Pegidisten unter. WIDERSTAND! schreien sie. Im schönen Sachsen, denke ich. Wo zwischen Polizei und Pegida kein Blatt passt. Wo sie sich mit Handschlag grüßen und das Problem immer die „Linksextremisten“ sind. Es ist schwer diesem Bachmann zuzuhören. Immer frage ich mich, ob er jetzt nicht langsam mal sagen sollte, dass das nur ein Sozialexperiment der Titanic oder so war. Das er sie alle verarscht hat. Aber nein. Für ihn und die selbstbewußten 1500 sächsischen Bürger, die da auf der Straße stehen, ist das was Bachmann und andere von der Bühne Kotzen die Realtität.
Was soll man da machen? Ich weiß es auch nicht, liebe Martina. Komm mich trotzdem mal in Bautzen besuchen. Da ist es schön mit all den Türmen. Unsere Tochter wächst und gedeiht. Aber ich frage mich manchmal, in was für eine schreckliche Welt wir sie hineingeschickt haben.

tausend Küsse und Umarmungen
Deine Anja

Wenn der Henkel abbricht

Statt die Feierlichkeiten zur Wiedereröffnung der Kadterschmiede zu besuchen, haben wir ein bisschen Filmmusik in Sachsen gemacht. Nebenbei ist ein neues Lied samt Video entstanden. Dank an alle Beteiligten! Viel Spaß.

Berlinska Dróha – Wenn der Henkel abbricht from R.E. on Vimeo.

„Kein Wunder, dass Hass entsteht“

Heute bat mich Veselin um ein paar Worte zur Rigaer für den „Lauten Bautzner“. Gern geschehen:

Ende Juni hielten junge Bautzenerinnen und Bautzener ein Plakat in der Hand, auf dem „Solidarität mit der Rigaer“ stand. Gestern nun, in der Halbzeitpause des EM-Finales, die Meldung in den Tagesthemen über gewaltsame Ausschreitungen bei einer Soli-Demo ebenfalls wegen der Rigaer-Straße.

Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen an einen, der seit langer Zeit in der Rigaer-Straße in Berlin-Friedrichshain wohnt: Paul, Mitglied der Band „Berlinska Dróha“, als Solokünstler „Geigerzähler“ unterwegs und jetzt im LaBa-Interview.

Paul, was ist da los, in Berlin?

Es geht um die Teilräumung eines ehemals besetzten Hauses in Berlin, das schon in den vergangenen Jahren Gegenstand von Auseinandersetzungen war. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Verknappung und Verteuerung bezahlbaren Wohnraums. In diesem Gentrifizierungsprozess werden große Teile der Bevölkerung aus den innerstädtischen Bezirken gedrängt. Das betrifft die Ex-Besetzerin genauso wie den Pfleger oder die Verkäuferin von nebenan. Allerdings gibt es in den ehemals besetzten Häusern auch eine lange Geschichte des Widerstandes dagegen.

Du sagst Ex-Besetzer – die Menschen vor Ort haben also gültige Mietverträge?

Na ja. Es gab mal Verträge für das ganze Haus und einen Rahmenmietvertrag. Dieser Anfang der 1990er etwas eilig geschriebene Vertrag wurde aber irgendwann in den 2000ern vom damaligen Eigentümer angefochten. Insofern gibt es jetzt noch Einzelmietverträge. Die „Kadterschmiede“ wurde vom Verein „Freunde der Kadterschmiede“ genutzt und eine Räumung ohne vorherige Klage und Gerichtsvollzieher ist vom Rechtssystem eigentlich nicht vorgesehen. Insofern kann man schon davon sprechen, dass dem Innensenator Henkel sein Wahlkampf – im September sind Wahlen in Berlin – wichtiger ist, als die eigenen Gesetze und Regularien. Aber das hatten wir schon mal in den 1990ern, als der damalige Innensenator Schönbohm bei der Räumung der besetzen Häuser auch nach dem bekannten Autonomenmotto „Legal, Illegal, Scheißegal“ vorgegangen ist. Anschließend haben Bewohnerinnen und Bewohner mancher geräumter Häuser 5 Jahre später auch verschiedene Klagen gewonnen. Aber die inzwischen geschaffenen Fakten wurden natürlich nicht rückgängig gemacht. Insofern verwundert es nicht, dass sich das Vertrauen vieler Ex-Besetzerinnen und -Besetzer in den „Rechtsstaat“ eher in Grenzen hält.

Zuletzt wurde das Gebiet rund um die Rigaer-Straße zum sogenannten „Gefahrengebiet“ ernannt – eines deiner Lieder handelt davon. Hatte diese polizeiliche Zuschreibung auch mit der Räumung der Häuser zu tun? Und wie lebt es sich eigentlich in so einem Gebiet voller Gefahren?

Das gibt es ja schon länger. In der Rigaer gab es die ganze Zeit willkürliche Personenkontrollen. Das ging so weit, dass die Kinder von Freunden morgens vom Schrippenholen nicht wiederkamen, weil sie in einer Ausweiskontrolle feststeckten. In meinem Lied fasse ich das ja ganz gut zusammen:

Kulminiert ist das Ganze dann im Februar mit diesem Angriff auf den Streifenpolizisten. Was auch immer da geschehen ist – der Mann konnte seinen Dienst fortsetzen. Die anschließende „Hausbegehung“ mit SEK-Einsatz mitsamt Stürmung der Wohnungen vollkommen unbeteiligter Nachbarn war insofern völlig Unverhältnismäßig. Tags darauf verhinderte die Polizei sogar ein öffentliches Kuchenessen und stürmte die Rigaer 94 erneut. Grund war der Wurf eines Müllbeutels aus dem Fenster – mit Ankündigung und weit weg von jeglichen Beamten.

Kein Wunder, dass da Hass auf die Polizei entsteht.

Bleiben wir gleich dabei: In der Einleitung sprach ich es an, die Demo „Rigaer 94 verteidigen – Investorenträume platzen lassen“ vom vergangenen Samstag, an der etwa 3.500 Menschen teilnahmen. Die Berliner Polizei sprach von der gewalttätigsten Demonstration der letzten 5 Jahre, 123 Beamte sollen verletztet worden sein. Wie war dein Eindruck?

Natürlich war die Demo wütend. Und bei der Polizei gab es jede Menge Leute, die genau Bock auf einen Adrenalinkick hatten. Insofern ist genau das passiert was abzusehen war in dieser Gemengelage. Die Polizei stürmt wegen kleinerer Straftaten die Demo, die DemonstrantInnen wehren sich. Es gibt Verhaftungen und Verletzte auf beiden Seiten. Wobei ich die Verletzungsstatistik der Polizei mit Vorsicht genießen würde, wofür spricht, dass die meisten verletzten Polizistinnen und Polizisten ihren Dienst einfach fortgesetzt haben. Die durch Prügelattacken und Pfefferspray verletzten DemonstrantInnen verschwinden dann einfach.

Gibt es denn irgendwelche Lösungsansätze, die diesen Konflikt für alle Seiten – also für die Bewohner, für die Hauseigentümer und für die Stadtpolitik – halbwegs positiv ausgehen lassen könnte?

Darüber könnte man reden, wenn Henkel die Polizei aus dem Haus zurückzieht und damit aufhört, eine ganze Straße zu schikanieren.

Vielen Dank für das kurze Gespräch und die Einblicke.