Archiv der Kategorie 'Gewerkschaft und Politik'

Brandschutz und Gefahrengebiet

Solidarität mit der Rigaer 94!

Gegen eine neue Eskalation von Polizei und Kapital in der Rigaer Straße 94!

Aufruf von Nachbar*innen für die Rigaer Str. 94. Da bin ich doch gern dabei!

02. März 2021 : Pressemitteilung und Aufruf verschiedener nachbarschaftlicher Gruppen, Mieter*innen und Initiativen aus dem Friedrichshainer Nordkiez und über den Kiez hinaus zum Räumungsbegehren der Rigaer 94 unter dem Vorwand des Brandschutzes

Gegen eine neue Eskalation von Polizei und Kapital in der Rigaer Straße 94!

Für den Erhalt des Hausprojekts Rigaer 94 und Kadterschmiede!

Am 11. und 12. März soll mit einen Großeinsatz das Hausprojekt Rigaer Straße 94 besetzt werden. Die offizielle Begründung ist die Erstellung eines Brandschutzgutachtens. Doch in Wirklichkeit geht es darum, dass nach der Räumung des anarcha-queer-feministischen Wohnprojekts Liebigstraße 34 ein weiteres linkes Hausprojekt verschwinden soll, dass den Vorstellungen eines Stadtteils im Sinne des Kapitals im Wege steht.

Das ist eine Kampfansage an alle Bewohner*innen des Friedrichshainer Nordkiez, die sich steigende Mieten nicht leisten können und die nicht in einem Stadtteil leben wollen, wie er auf Fotos der Broschüren der unterschiedlichen Investor*innen zu sehen ist. Deswegen rufen wir, die Bewohner*innen des Stadtteils, dazu auf, diese neue angekündigte Eskalation unter dem Vorwand des Brandschutzes zu stoppen. Die Bewohner*innen der Rigaer Straße 94 haben wiederholt erklärt, dass sie eine* staatliche* geprüfte* Brandschutzgutachter*in vom Bezirk ins Haus lassen, wie sie im November bereits auf eigene Initiative ein Brandschutzgutachten erstellen liessen, in dem festgestellt wurde, dass ein Teil der Mängel, die jetzt als Vorwand genannt werden, von dem letzten, rechtlich fragwürdigen, Einsatz von Polizei, selbsternannten Eigentümer und die von ihm angeheuerten Handwerkern verursacht, aber mittlerweile von den Bewohner*innen in Eigeninitiative behoben wurden.

Die angekündigte Eskalation erscheint uns als die Fortsetzung der bisher gescheiterten Versuche, das Hausprojekt Rigaer Straße 94 zu räumen, um den Kiez zu befrieden und weiter durchzugentrifizieren. Die Folgen für uns Bewohner*innen im Nordkiez erleben wir bereits jetzt jeden Tag. Ein massives Polizeiaufgebot leuchtet mal in die Häuser und kontrolliert wahllos Passant*innen und wenn die sich diesen Maßnahmen entziehen wollen, werden sie schon mal vom Rad gezerrt. Die Grundrechte von uns Bewohner*innen sind durch diese Polizeipräsenz massiv eingeschränkt. Was wir schon jetzt erleben, wäre nur ein Vorspiel, wenn der angekündigte Polizeieinsatz in der Rigaer Straße 94 umgesetzt wird. Bei vielen von uns werden Erinnerungen an die Wochen der Belagerung im Sommer 2016 wach, als der damalige Innensenator Henkel schon einmal die Rigaer 94 räumen lassen wollte und einen ganzen Kiez wochenlang belagern ließ. Für viele Menschen hier waren es traumatische Erinnerungen, aber es waren auch Tage der Solidarität, als sich viele Bewohner*innen für die Aufhebung der Belagerung aussprachen und einen Rückzug der Polizei forderten. Dass der Räumungsversuch schließlich von der Justiz für rechtswidrig erklärt wurde und sich Henkel eine krachende Niederlage einhandelte, war auch eine Folge dieser Solidarität unter den Bewohner*innen im Kiez, egal ob sie in einem Hausprojekt oder in Mietwohnungen leben. Daran wollen wir mit unserer Erklärung und der Pressekonferenz anknüpfen, bevor es zur nächsten Eskalation kommt.

Wir Bewohner*innen fordern:

Beendigung der Eskalation im Nordkiez und Rückzug der Polizeitruppen!

Wir Bewohner*innen des Friedrichshainer Nordkiez wollen keinen erneuten Belagerungszustand!

Die dubiose Briefkastenfirma Lafone Investments Limited scheiterte bei mehreren Räumungsklagen gegen Bewohner*innen der Rigaer Straße 94 vor Gericht, weil es ihr nicht gelang, rechtliche Formalitäten zu erfüllen. Jetzt versucht sie erneut, die Hausbewohner*innen der Rigaer Straße 94 zu vertreiben und will dafür Unterstützung von Politik und Polizei.

Wir als Bewohner*innen des Friedrichshainer Stadtteils, sehen das Vorhaben, das Haus der Rigaer 94, unter dem Vorwand des Brandschutzes, zu beräumen als einen Angriff auf uns alle.

Jedes weitere Vordringen in unsere gelebte Kiezstruktur, samt dem von vielen unterschiedlichsten Gruppen samt Mieter*innen-Initiativen genutzten unkommerziellen Veranstaltungsraum Kadterschmiede in der Rigaer 94, wird eine Eskalation bedeuten, die niemand von uns hier wirklich will.

Vorläufig unterzeichnen hier:

Berliner Mietergemeinschaft BG Friedrichshain

Geigerzähler, Musiker

Nicole Lindner, Aktivistin für Mieten Wohnen und Soziales, Initiatorin dritte Mahnwache gegen Obdachlosigkeit in Berlin, Mitglied des Wohnungslosenparlament

Andreas Komrowski, Nachbar

Hausprojekt Rigaer 78

Zum Einrahmen… Da war doch mal was. Mit diesem Henkel damals. Vielleicht sollte der Senat sich die Sache noch einmal überlegen.
Grüße aus der Rigaer!

Ein Shanty, ein Plakat und ein altes Lied

Unterstützung für Deutsche Wohnen & Co Enteignen gibt es auf so vielen Ebenen. Zwei Beispiele: Der dezentrale Nachbarschaftschor „Enteignung Ultras“ hat ein hübsches Shanty gemacht.

Singt es aus allen Fenstern: What shall we do with Deutsche Wohnen? Enteignen!


Einige berliner Sorbinnen und sorbische Berliner haben die DW – Enteignen – Plakate ins Sorbische übersetzt und in die Welt geschickt. Es mag sein, dass die Übersetzungen ins Türkische, Arabische oder Russische wichtiger sind, aber trotzdem ist es ziemlich toll und hat auch einen kleinen, recht begeisterten Twittersturm ausgelöst. Eine schöne Geste ist es allemal und ein paar Stimmen der Berliner*innen mit sorbischem Background helfen sicher auch ein wenig.

Bein der Gelegenheit fällt mir ein: Wir hatten doch mal mit Berlinska Droha ein kleines Lied zum Thema (in dem es allerdings nicht um einen Konzern, sondern um einen nervigen, machtmissbrauchenden Einzelvermieter geht). Kein schlechter Moment, da mal wieder reinzuhören.

Achso. Das Gespenst der Enteignung gibts jetzt auch auf Spotify. Was mich übrigens sehr erfreut, dass das von mir sehr geschätzte Labournet.de unseren Song mit in das Dossier zu „Deutsche Wohnen & Co enteignen aufgenommen hat.

10 Jahre (& ein paar Tage) später

Der Richter hat gesprochen
So soll es sein
Das Eigentum ist alles
Die Menschen nichts
Das sagen sie alle!
Der Kopf voll Schmerzen
Und voller Wut
Was ist legal?
Und was legitim?

Das Haus ist geräumt
Ist jetzt alles zu Ende?
Was ist legal?
und was legitim?
Die Fragen sollten wir stellen
Jeden Tag und auch jede Nacht
Unüberhörbar, wütend, handelnd!


http://liebig14.blogsport.de

…besetzen sowieso!

Ich habe mich im letzten Jahr und vor allem in den letzten Wochen ein wenig an der Planung und dem Aufbau einer kleinen Ausstellung in der alten Feuerwache an der Weberwiese zu den letzte über 30 Jahren Ostberliner Hausbesetzungsgeschichte beteiligt. Die Ausstellung ist im Moment nur virtuell und durchs Schaufenster zu sehen. Wenn ich auf sächsische Krankenhäuser blicke, verstehe ich auch warum. Wenn ich daran denke, wie sich für den „Standort Deutschland“ alle gegenseitig anhusten müssen, fällt mir das schwerer.
Zurück zur Ausstellung: Ihr könnt durch das Schaufenster Einiges sehen. Zu den Ladenöffnungszeiten leuchten Euch Fotos und Filme auf mehreren Monitoren entgegen. Nachts leuchtet immerhin das batteriebetriebene Hausschild der Liebig 34.
Ansonsten eben das Netz. Auf der Website https://besetzensowieso.de sind schon viele Texte und Bilder zu sehen. Täglich kommen weitere hinzu. Außerdem könnt Ihr Euch einen fotographischen Eindruck machen. Und dann ist da natürlich die gerade fertiggestellte filmische Ausstellungsführung, für die ich die Filmmusik machen durfte. Augenommen haben wir das direkt in der Ausstellung – der physische Raum ist also auch bei der Tonaufnahme immer dabei.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung ist im Friedrichshainer Zeitzeiger auch ein kleines Portrait von mir erschienen.

Räumung im Herbst

Es nieselt so herbstlich. Ich sollte mich freuen für die halbtoten Bäume am Straßenrand, sage ich mir, doch es gelingt nicht. Die zweite Coronawelle nimmt langsam Gestalt an. Soll ich mich auf dunkle Tage im Lockdown freuen? Auf die physische Isolation?

In diesen Herbst nebst Coronawelle hinein werden am Freitag die Bewohner*innen Liebig 34 geräumt werden, dem Corona-Räumungsmoratorium zum trotz. Mehrere tausend Bullen werden aus dem ganzen Bundesgebiet herangekarrt, Kletterspezialisten und SEK. Sie werden ein paar Straßenzüge absperren und dann gehts los. Sie werden – wenn kein Wunder geschieht – ihr zerstörerisches Werk verrichten und ein Hausprojekt aus der Welt räumen, das in seiner Einzigartigkeit schon seit 30 Jahren im Kiez existiert. Wir werden sie behindern so gut es geht, werden den politischen und konkreten Preis der Räumung hochtreiben. Ein wenig haben wir das schon geschafft. Von dem Kostenaufwand für die Räumung könnten wahrscheinlich mehrere Ersatzobjekte für die Liebig 34 geschaffen werden. Aber das Privateigentum ist heilig im Kapitalismus und diese Räumung ist auch eine Machtdemonstration an alle, die sich etwas Besseres auch nur vorstellen.

Da sind noch die Strohhalme, dass die politischen Kosten zu hoch sind und doch noch eine politische Lösung verhandelt wird. Oder dass sich die rechtlichen Zweifel an der Räumung verstärken. Strohalme, zu dünn und flüchtig. Aber an was sonst klammern?

Das alles ist nicht neu. Wir hatten die ganze Scheiße schon im Kiez und zwar mehrfach. Als die westdeutsche Staatsmacht in der Mainzer Straße zeigte, wer der neue Herr im Hause ist und dabei nicht zuletzt auch Vertreter*innen der DDR-Opposition, die sich für eine Verhandlungslösung einsetzten mit dem Wasserwerfer wegspritzte, war ich zu jung. Die Räumungswelle Mitte bis Ende der 90er, der in Friedrichshain das besetzte Haus in Altstrahlau, die Palisadenstraße, die Niederbarnim, die Kreutziger 21, die Rigaer 80 und die Scharnweber 28 zum Opfer fielen, habe ich als Jugendlicher erlebt und bekämpft. General Schönbohm, der direkt vom Militär zum Innensenat gewechselt war und gern auch immer wieder Artikel in der „Jungen Freiheit“ schrieb, ist mir in denkbar schlechter Erinnerung. Möge er in der Hölle schmoren (falls es das gibt, was ich für eher unwahrscheinlich halte)!
Es folgten Brände in der Rigaer 84 und die Räumung der Liebig 14 vor knapp 10 Jahren. Die Liebig 14 war ein eigentlich recht unspektakuläres Projekt mit sehr heterogener Bewohner*inneschaft. Sie wurde am Anfang der Anti-Räumungskampagne auch gern mit der gegenüberliegenden Liebig 34 verwechselt, die einfach auffälliger war und eine bekannte Kollektivkneipe ihr Eigen nennen konnte – das XB-Liebig. Dennoch wurde die Liebig 14 zum Symbol und das Räumungszenario von damals scheint mir dem der Liebig 34 ziemlich ähnlich zu sein. Auch bei der Liebig 14 gab es im Vorfeld ein mediales Sturmreifschießen seitens der Boulevardpresse, zum Teil auch von Tagesspiegel und Morgenpost. Allerdings gab es auch Gegenwind, manchmal in großen Medien. Als die Liebig 14 geräumt wurde, war Rot/Rot am Ruder. Grün fehlte noch. Die Räumung hat dann der Linkspartei massiv bei den darauffolgenden Wahlen geschadet (neben anderem, z.B. der Sparpolitik, dem Verkauf städtischer Wohnungen etc. Für all das hätte man auch gleich die CDU wählen können). Für die Räumung wurden etwa 2500 Bullen eingesetzt, die dennoch bis um 12 brauchten, bis sie das Haus vollständig unter Kontrolle hatten, nicht zuletzt wegen ein paar mit farbigen Flüssigkeiten gefüllten Wannen, die Panik auslösten. Die Flüssigkeit stellte sich am Ende als gefärbtes Wasser heraus. Stadtpolitisch hat hat die Liebig 14 – Räumung eine ziemliche Schneise gezogen. Ich denke auch, dass sich der Widerstand gelohnt hat – nicht in erster Linie für die Liebig 14 selbst, aber zum Beispiel für den etwa 1 Jahr später bedrohten Schokoladen in Mitte, bei dem sich dann die Politik beim Finden einer Verhandlungslösung sehr viel mehr Mühe gegeben hat. Den Schokoladen gibt es immer noch.

Es ist Herbst. Es nieselt. Wartend auf Räumung und Coronawelle könnte ich erstarren und versinken. Doch dazu ist jetzt keine Zeit. Es ist Zeit, auf die Straße zu gehen und zu machen was geht. Und etwas wird gehen, denn auch die Gegenseite kocht nur mit Wasser. Also los! Wir sehen uns auf den Barrikaden!

Grunewald und der Graben

Bevor ich morgen in Grunewald spiele, möche ich nochmal auf den Mittwoch zurückschauen. Ich hatte die Ehre, für den „Verein zu Förderung antimilitaristischer Traditionen“ in Potsdam zu spielen. Anlass war eine kleine Feier zum 30. Geburtstag des Deserteursdenkmals am Platz der Einheit. Da lag es nahe, diesen Klassiker von Kurt Tucholsky zu spielen.

Der Graben

Mutter, wozu hast Du Deinen aufgezogen,
Hast Dich zwanzig Jahr’ um ihn gequält?
Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflogen,
Und Du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Mutter, für den Graben!

Junge, kannst Du noch an Vater denken?
Vater nahm Dich oft auf seinen Arm,
Und er wollt’ Dir einen Groschen schenken,
Und er spielte mit Dir Räuber und Gendarm
Bis sie ihn Dir weggenommen haben
Für den Graben, Junge, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf
Zu Eurem Todestanz!

Seid Ihr hin?
Seid Ihr hin?

Ein Kranz von Immortellen,
Das ist dann der Dank des Vaterlands!

Hört auf Todesröcheln und Gestöhne!
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
Schuften schwer, wie ihr, um’s bißchen Leben.
Wollt Ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
Über’n Graben, Leute, über’n Graben!

Eine sehr schöne Version des Liedes mit Gisela May.

Wenn ich dieses Lied höre (oder jetzt spiele), muss ich immer fast heulen vor Wut, Trauer und Verzweiflung darüber, dass damals offensichtlich zu wenige Leute auf Tucholsky gehört haben. Verzweiflung vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass das jederzeit wieder passieren kann.
Ich glaube, ich nehme dieses Lied auch mit ins ferne Westberlin. Neben der Reggaenummer, die ich da spielen muss. Bis dann.

Hippies und Nazis (Exkursion auf Abwegen)

Geschichte wird geschrieben, sagen sie. Aus Gründen konnte ich nicht teilhaben am welthistorischen Wendepunkt. Aber ein Bekannter ist durchgeschlendert. Ich hab mal seine Beobachtungen aufgeschrieben.

Anfangs am Bebelplatz. zwei Rentner getroffen aus Bawü. Hatten auf Xavier Naidoos Aufruf Händy nicht mitgenommen. Dafür kleines Funkgerät. Rentner fragen ob das da „Antifa-Faschisten“ sind auf der Kundgebung. Erklärt den Weg, das heißt schickt sie in die falsche Richtung. Bebelplatz: Bullen haben gekesselt und keinen auf den Platz gelassen. Sponti Richtung Alex. Erstes Heiko Schrang T-Shirt schon kurz hinterm Bebelplatz. Schrang T-Shirt und Amerikaflagge. Dann kommt Sponti etwa 300 Leute.
Durchschlagen bis zum Pariser Platz. Dort auch Antifa – Kundgebung. Dann fängt Zombiewalk an. Schrang Thirts, Amerikaflaggen,
Weiter zur Torstraße. Alle Zufahrtsstraßen gesperrt. Dort wieder 2 Rentner. Sehr alt. Haben auch Smartphone zu Hause gelassen. Aber Straßenkarte ausgedruckt. Polizeiautos, Wannen. Alles blockiert. Torstraße freigehalten. Rentner auf der Suche nach der Demo in der Torstraße.
Oranienburger Ecke Torstr. Da gings echt ab. Besonders schön: Straße gesperrt. Demo blockiert, Bullen drumrum, Nazis drumrum, lauter Verschwörungsmystiker drumrum. Vorne dabei: 3. Weg aber auch einige abgehalfterte 90er-Jahre-Skinheads mit sichtbarem Alkoholschaden, kombiniert mit „Identitären“ mit schickem Haarschnitt. Dann noch 1,90 durchtrainierter Typ mit Camouflageklamotten. Und QAnon – Leute. Richtig viele.
Conteraktion 10 Jusos. Rufen Alerta, Alerta, Antifascista! Vor den Jusos psychisch verwirrter weißhaariger Mann mit weißem Haarkranz um die Glatze, der die Jusos beleidigt. Wird vom Rest angefeuert.
Hippies mit Clownsnase neben III Weg – Nazis – sie scheinen sich zu mögen. Dann Vater und Sohn im schönsten „Heil Corona“ – T- Shirt von Nazi-Liebig aus Halle.
Alles voll mit Reichsflaggen. Dann wieder Amerika – Fahnen. Weiße T-Shirts mit mit „Querdenken“ und zwar mit Ortsnamen und Vorwahl drauf zur Identifikation. Kostenpunkt 30 Euro. Wirnerfahnen. Russlandfahnen. Putin, Putin – Sprechchöre. Auch jede Menge Neonazis mit entsprechenden Tatoos. Rapper, der einen Livestream in sein Händy einspricht, umgeben von Bullen. Nazispärchen aus Limburg an der Lahn mit schon ausgewaschenem Querdenkertshirt. Behaupten, sich das alles nur anschauen zu wollen.
Vereinzelt auch Leute mit Maske, die versuchen, durch die Polizeiabsperrung wieder in die Demo reinzukommen. Gespräche: „Jetzt gehts am Reichstag gleich weiter“.
Dem Tip gefolgt. Am Bundestag alle Brücken über die Spree gesperrt. Beim Versuch selbst die richtige Brücke zu finden in den „Querdenkerverband Düsseldorf“ hineingelaufen. Teilweise oben ohne, mit Bier in der Hand, grölend. Wie Fußballfans der unangenehmeren Sorte, sie sich jetzt die Politik zum Saufen ausgesucht haben.
Doch Brücke gefunden. Vorm Reichstag. Zombieparade. Spielen Bob Marley, Sarah Lesch und viele andere eher progressive Künstler. Erweckungsgefühl über der Zombie – Nation. Am Compact – Pressestand vorbeigemogelt. Ziel Bundestag. Bekannte getroffen im Coronawahn. Hippiemusiker. Interkulturell durchaus aufgeschlossen. Nach Nazis gefragt. Wie sie mit denen demonstrieren können.

- Nazis? Wo denn?
- Na da!

Auf die nächsten Nazis gezeigt.

- Nee, das sind doch keine Nazis.
- Doch da. Heiko Schrang T-Shirt.
- Der is kein Nazi.
- Aber der hat doch mit Martin Sellner…
- Ok. Vielleicht. Aber Deutschland hat noch immer keinen Friedensvertrag.

Mitten durch Rentner mit Kaiserreichsflaggen bis zur Siegessäule. Kurz chillen. Ein Blick zum Verkaufsstand. Jemand sagt: „Es sind mehr da als letztes Mal, aber weniger als bei der Black Lives Matter – Demo.“ Also keine Phantasiezahlen mit tausend Nullen, so ganz intern. Großer technischer Aufwand. Teurer Spaß.
Verschiedene Aufrufe sich von Rechts und Linksextremisten zu distanzieren. Applaus. Danke Polizei: Applaus. Müller und Geisel Rücktritt: Publikum rastet aus. Wollen „Verfassungsgebende Versammlung“ einberufen. Applaus.
Haben jede Menge Anwälte am Start.

Spannend drei Typen. Schlabberlook. Hätte man vor ein paar Jahren vom Kleidungsstil links eingeordnet. Haben aber Schwarzweißrot am Hut. Reden davon, weder links noch rechts zu sein, freie Meinungsäußerung ist wichtig. Findet auch die Antifa in Ordnung, obwohl sie seinem Patenonkel die Scheiben eingeschmissen habe, nachdem der eine Rede bei Pegida gehalten hat. Aus Dresden. Die Schwarzweissrote Fahne ist nicht rechts. Genau wie die „Identitären“. Hat er sich lange mit beschäftigt. Seinen Youtube-Kanal wollte er nicht verraten. Er hat ganz viele Kanäle.

Am Rande. Hooligan geht pöbelnd weg und sagt: „Ich fahr doch nicht jetzt das 10. Mal nach Berlin. Langweilig hier! Kindergarten“

Zurück zu Hause. Kreuzberg. Köfte essen. Endlich nicht mehr auf bescheuerte T-Shirts achten. Denkste. Zwei Typen mit NWO WHO – Thirts kommen vorbei.

- Wart ihr auf der Querdenker – Demo?
- Ja.
- Wo kommt ihr her?
- Aus Bayern.
- Da wäre ich aber vorsichtig, hier in Kreuzberg.

Typen verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen?

Statt mich welthistorischen Ereignissen zu widmen, hatte ich heute etwas Zeit, gedruckte Presse zu lesen. Da ist mir ein Artikel aufgefallen, der die Schwierigkeiten der Linken im Umgang mit der neuen Massenbewegung in rechter Hegemonie (so würde ich es fassen), ganz gut herausarbeitet. „Linke, die nur Rechte sehen – die Anti-Corona-Demonstrationen und die Sprachlosigkeit progressiver Kritik.“ von Gerhard Hanloser. Auf Twitter wurde ich sogleich darauf hingewiesen, dass Hanloser die Bedeutung dieser Bewegung überschätzt. „Trotz bundesweit beworbenen Sturm auf Berlin: 50.000. So viele gehen auch zu Hertha.“ Das mag sein. Dennoch. Die tradierten Antifa – Strategien kommen angesichts des Spektrum und der Bewegungsdynamiken der Gegenseite an ihre Grenzen. Zumal der Müll ja zum Teil wirklich unangenehm weit ins eigene bzw benachbarte Milieus ragt. Das schreit nach neuen Wegen. Nur welche? Nur wie?

Ansonsten finde ich, daß sich ein altes Lied von mir ganz gut gehalten hat. Damals, für diese sogenannte Friedensbewegung (is jetzt aber auch keine Lösung. Ein Statement, nun ja).

Antimilitaristisches Traditionskonzert im preussischen Disneyland

Zum Glück ist Potsdam nicht nur ein Touristenmagnet in preussisch Blau. Es gibt in dieser Stadt Leute, die sich mit großer Beharrlichkeit dagegenstellen. Hier seien die aus der linken DDR-Opposition hervorgegangene „die Andere“ und der „Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.“ genannt.

1990 kam das wohl umkämpfteste Deserteursdenkmal der Republik aus der Partnerstadt Bonn als Dauerleihgabe des Bonner Friedensplenums nach Potsdam. Bonn war damals Bundeshauptstadt und noch nicht bereit für ein öffentliches Gedenken an die Männer und Frauen, die sich dem Vernichtungskrieg der Wehrmacht entzogen und dafür verfolgt, eingesperrt und ermordet wurden. Aus den geplanten 6 Monaten sind nun 30 Jahre geworden, in denen viel passiert ist. Inzwischen sind die Urteile der NS-Militärjustiz pauschal aufgehoben und die Verbrechen der Wehrmacht als solche benannt. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt. Aber deutsche Truppen beteiligen sich an Auslandseinsätzen. Das Denkmal für den unbekannten Deserteur ist in Potsdam sesshaft geworden. Es hat eine neue Tafel erhalten und ist ein wichtiger Treffpunkt für Demonstrationen und Aktionen geworden. Der Stein des Anstoßes ist aus Potsdam nicht mehr wegzudenken.

02. September 2020
18–20 Uhr
Platz der Einheit

Ansprachen, Erinnerungen, Informationen, historische Tonaufnahmen und Zeit für Gespräche

Musik: Paul Geigerzähler

Ich freue mich sehr, auf dieser schönen Openair – Veranstaltung zu spielen und grabe vor lauter Glück mal einen ganz altes Lied aus, dass ich während des 2. Irakkriegs geschrieben habe. Desertiert!

https://www.streambox.org/geigerzaehler/desertiert.mp3

(live in der längst geräumten Zürcher Kalkbreite)

Leben und Sterben im Spätkapitalismus

Ich brauche Klicks, ich brauche Geld
hab mich mit meinen Klicks vermählt
in Eintracht traut, verschmolzen ganz
lad ich Gefolgschaft ein zum Tanz
verschmelzt mit mir im Algorithmus -
Leben und Sterben im Spätkapitalismus!

Ich nehm meine Knarre und stelle sie ein
Ihr könnt alle schauen, ich lade Euch ein
ich nehm meine Knarre und geh zur Zentrale
ich nehm meine Knarre und rette die Wale
schießen und treffen im Algorithmus -
Leben und Sterben im Spätkapitalismus!

Und dann am Ende, Ihr werdets genießen
werde ich mich einfach selbst erschießen
ich werde mich einfgach selbst erschießen
es knallt und scheppert, das Blut spritzt rot
ihr könntet meinen, ich wäre tot
doch erst jetzt komm ich an im Algorithmus -
Leben und Sterben im Spätkapitalismus!

Eine Liveaufnahme aus dem 30. Kopfstand. Mai 2018. Improvisiert von The Incredible Herrengedeck und dem Kopfstand – Trio.
https://www.mixcloud.com/Kopfstand_Lesung/kopfstand-30-teil-1/
https://www.mixcloud.com/Kopfstand_Lesung/kopfstand-30-teil-2/

Anlass für das Lied: https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/youtube-attentat--schuetzin-wurde-in-der-naehe-der-google-zentrale-befragt-7928288.html

Andere Version auf dem Album „Deutscher Wald für deutsche Rehe“: https://geigerzaehler.bandcamp.com/track/leben-und-sterben-im-sp-tkapitalismus