Drugstore und Potse – kein Nachruf

Es ist brutal voll in der Potse. Es ist der wohl letzte Abend und außerdem spielt Pisse. Ansonsten ist alles wie damals. Der Hausflur voller trinkender punkiger Jugendlicher. Nur ich bin eben älter geworden. Zugleich fühlt sich alles ein bisschen an wie auf einer Beerdigung, vor allem wenn man den Drugstore betritt. Das Putzlicht strahlt auf die schon großenteils abgebaute Einrichtung, deren Reste in einem kleinen abgesperrten Bereich Richtung Pallasstraße liegen. Das Podest Richtung Potsdamer ist auch abgesperrt, aber erst teilweise abgebaut. Darunter liegt der Dreck von 40 Jahren, sind vielleicht noch Reste von Bommi Baumanns Kotze oder die weggeworfenen zu Staub zerfallenen Kippenstummel der großen Hausbesetzervollversammlungen der 80er. Wer weiß?
Über 40 Jahre Geschichte linker Jugend- und Subkultur in dieser Halle, in den 20ern in ultramoderner Betonbauweise erschaffen, dann Sitz der Berliner Verkehrsbetriebe, die dort noch gesessen haben, bis das Gebäude vor nicht allzulanger Zeit verscherbelt wurde wie fast alles. Man wollte ja sparen bis es quitscht und da muss man sich nicht wundern.
In den frühen 70ern kämpften Trebekids und AktivistInnen um ein Stückchen der 2 Etage, verhandelten, gewannen und bauten den Laden zu einem Jugendzentrum aus. In dieser Hinsicht ist sich das Drugstore bis heute treu geblieben und wird immer noch auch von Jugendlichen auf Trebe und in vergleichbar prekären Situationen genutzt. Eine gute Geschichte, eigentlich. An vielen anderen linken Orten ist jeder Faden zur Straße längst zerschnitten, falls er überhaupt jemals aufgenommen wurde.
Letzteres ist auch nicht die Geschichte des Verlierens und des Aus der Zeit gefallen seins, der das Drugstore dennoch genauso geprägt hat wie viele andere im Kontext verflossener linksradikaler Bewegungen enstandenen Zentren – eine Geschichte des Verlierens, die durchaus unterschiedlich sein konnte: Von leeren Räumen mit fast gespenstisch konsequentem Abfeiern vergangener kleiner Siege bis zur Überanpassung in sterilen Orten des Kommerzes oder sozialbürokratischer Problemverwaltung. Aber auch der in dieser Gegenüberstellung ersteinmal sympathische Mittelweg ist ein Teil dieser Verliererstraße:

Weil das Problem tiefer liegt. Weil alle diese Orte nach Regeln, ungeschriebenen Gesetzen und Funktionsmechanismen laufen, die in einer Zeit entstanden sind, wo eine Jugend mit vollem Recht gegen die Zumutungen, die Zwänge und die monotone Konformität im Fordismus rebellierte. In einer Zeit in der ein Reihenhaus und Kleinfamilie in Lichterfelde als Dank für ein angepasstes Leben und Arbeiten noch ein erreichbares Ziel war. Dazu das Versprechen, dass es den Kindern einmal besser gehen würde. Diese Kinder sind wir. Geht es uns besser?
Heute wird einfach gar nichts mehr versprochen – jedenfalls nicht dem ärmeren Teil der Gesellschaft. Stattdessen Angst! Wir sollen sehen wo wir bleiben. Statt Rebellion gegen die Zumutungen der Konformität überwiegt jetzt die Panik davor, abgehängt zu werden. Statt der Lust am Ausbrechen aus der organisierten Langeweile finden, wir uns im hektischen Rattenrennen um irgendeinen Job, irgendeine Absicherung, irgendeine Orientierung wieder und haben im vollem Lauf kaum Zeit festzustellen, dass das, was letztens noch subversiv und rebellisch war, heute nur noch ein bunter Farbtupfer in neoliberalen Allerlei ist. Vielleicht ist diese Rebellion auch deshalb häufig so ein Mittelschichtsding geworden, weil man sie sich leisten können muss.

Das Drugstore und die Potse haben die Kommerzialisierung ehemaliger Gegen- und heutiger Subkultur nicht mitgemacht. Das war sinnvoll und auf der Habenseite liegen schöne Konzerte, Partys und die Funktion der beiden Läden als eine Art Ausbildungsstätte für Selbstverwaltung. Trotzdem wäre es eine Lüge, angesichts der Möglichkeiten, von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen. Wenn man sich vorstellt, was an den vielen Tagen an denen das Drugstore geschlossen hatte, möglich gewesen wäre könnte man heulen! Wenn man sich vorstellt, was das Drugstore hätte sein können mit besserer Anbindung an die Jugendlichen im Kiez – nicht zuletzt auch jene mit migrantischem Hintergrund – man möchte schreien!

Nun lässt es sich leicht reden vom schönen Friedrichshain aus. Reden über Dinge, die im Friedrichshain auch niemand wirklich hinkriegt und mit hässlichem Zeigefinger in Richtung der Aktivistinnen und Aktivisten, die meistens getan haben, was in ihrer Macht stand. Zudem bin ich an all dem auch mit schuld.
Ich entdeckte das Drugstore in der ersten Hälfte der 90er als recht orientierungsloser ostberliner Jugendlicher, der unbedingt Punk werden wollte und Anschluss suchte. Das in dieser Zeit schon etwas ausgezehrte und aus dem Zentrum gerutschte Drugstore gab mir den Anschluss. Im Drugstore verschwand ich in subkultureller Konformität, die ich ab einem bestimmten Punkt um so rigider nach außen vertrat. In meine eigentlich sehr kurze Zeit im Drugstore fallen zwei Dinge, die richtungsentscheidend waren. Das Scheitern der Zusammenarbeit mit Jugendlichen aus dem Kiez mit türkischem Background, die wir – westberliner Gymnasiasten wie ostberliner Punks – „die Lans“ nannten. Wir haben nicht viel Zeit damit verschwendet, darüber nachzudenken ob unser Blick auf diese Jugendlichen, der sich in der Bezeichnung ausdrückte, nicht auch etwas mit dem Scheitern der Zusammenarbeit zu tun haben könnte. Zweitens haben wir damals dafür gesorgt, dass das Drugstore noch lange nach uns gewissermassen monosubkulturell war, indem wir verhindert haben, dass Technopartys im Drugstore stattfinden konnten. Ich erinnere mich gut an die Soliparty eines besetzten Hauses mit Technoparty, bei der wir den DJ bedrängten unsere Deutschpunkplatten zu spielen. Der DJ war so cool, unsere Platten in seine Beats zu mischen und wir haben ihm nicht einmal Danke gesagt.
In dieser Zeit kamen wir auch auf die grandiose Idee im Drugstore zu wohnen und nicht nur das. Wir luden auch alle Straßenpunks ein es mit uns zu tun. Wir handelten in bester Absicht und wischten alle Bedenken der wenigen im Drugstore verbliebenen Altautonomen souverän beiseite. Schließlich waren wir die Straße und die Autonomen nervten sowieso mit ihren Moralin:

Ihr wisst genau was richtig ist
ihr wisst genau was gut für uns ist
ihr dreht uns das wort im Munde um
ich schreie laut und bin doch stumm
AUTONOME SOZIALARBEITER VERPISST EUCH!

Schrieb ich wütend vom Plenumstisch aufspringend an die Wand neben dem nasebohrenden Punk. Das war auch nicht nur falsch. Die Autonomen hatten ihre eigene Sprache und haben es wirklich nicht hingekriegt, uns ihr Zeug zu erklären. Dass sie uns nicht das Vögeln verbieten wollten, wenn sie von Sexismus sprachen, habe ich erst nach meiner Zeit im Drugstore begriffen. Es wäre nicht verkehrt gewesen, wenn mir das schon damals jemand vernünftig erklärt hätte. Aber wie sollten sie das denn machen? Die Welt erklären? Auch große Teile der westautonomen Szene hatten nach 89 Gewissheiten und Kompass verloren und mäanderten in einer eigenartigen Mischung aus Trotz, Resignation und moralischem Sendungsbewusstsein herum – wie sollten sie da desperaten Jugendlichen verständliche Erklärungen liefern?
Immerhin waren sie noch in der Lage unseren Selbstversuch im Drugstore zu wohnen, wieder zu beenden, bevor wir das Drugstore zu einem Haufen Schrott machen konnten.

Jenseits dieser Anekdoten hatten wir aber alle das selbe Problem. Wir rebellierten (und die Autonomen kämpften) gegen fordistische Konformität und wir begriffen nicht, das das, wogegen wir rebellierten längst auf dem absteigenden Ast war. Wir glaubten auszusteigen und richteten uns das Leben ein in einer Insel scheinbarer Selbstbestimmung und realer Prekarität – einer Insel, die – zumindest was die Prekarität betrifft – bald keine Insel mehr sein sollte.

Immer noch sind wir gefangen in subkulturellen Funktionsmechanismen, die schon lange nicht mehr greifen. Ein bisschen wie auf einem Kreisverkehr mit lauter Einbahnstraßen drumherum. Vor allem damit beschäftigt im Kreis zu fahren, diskutieren wir nur noch selten, was zu tun wäre um irgendwohin zu kommen. Noch seltener diskutieren wir, welche Ausfahrt wir, die bürgerlichen Verkehrsregeln brechend nehmen sollten oder ob wir womöglich nicht einfach den Kreisverkehr blockieren müssten, damit es Irgendwohin geht. Und dieses Irgendwohin? Suchen wir das noch wirklich oder ist es einfach nur ein subkultureller Code, diese Suche zu behaupten?

Insofern müssen wir hoffen, dass der Rausschmiss aus den alten Räumen auch eine Chance ist. Bei der Potse liegt diese im offensiven Umgang mit der Situation, in der Besetzung, im Drugstore könnten die neuen Räume womöglich auch dabei helfen, neuen Schwung zu entwickeln. Vielleicht werden Potse und Drugstore am Ende noch mal Vorreiter für etwas ganz Neues? Für etwas mit Sprengkraft und gesellschaftlicher Relevanz? So wie damals in den 70ern und doch ganz anders? Wer weiß?

Bleibt noch, dem Drugstore- und dem Potsekollektiv viel Kraft, Geschicklichkeit und Klugheit zu wünschen. Und natürlich auch ein bisschen Glück!

Ein Text aus dem Kopfstand Nr. 35
Danke @drugstoreberlin für das Bild. Hoffe, das geht klar.

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