Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 2)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Sei umarmt. Carola geht es gut, aber sie vermisst Dich. Ich vermisse Dich auch. Ich liebe Dich und ich brauche Dich! Hast du die Presse verfolgt? Ich möchte in Deinen Armen liegen und quatschen. Wir haben uns gestritten, aber das ist egal. Hier in Bautzen habe ich manchmal das Gefühl, dass Du die Einzige wärst, die mich versteht. Schließlich kommst Du aus Freital und da ist es auch nicht besser. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH! schreien sie. Was für eine absurde Scheiße. Bautzen war nie nur deutsch und hieß bis vor 150 Jahren auch auf deutsch Budissin, bis das irgendwelchen stolzen Deutschen zu slawisch klang. Bautzen war immer bikulturell. Aber sie schreien BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH. Wahrscheinlich hat die Hälfte von ihnen selber sorbische Großeltern, aber das stört sie nicht. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH schreien sie und dem Bürgermeister, der von Grünen, SPD und Linken gegen die CDU gewählt worden ist, fällt nichts besseres ein, als mit den Arschlöchern zu reden und den Flüchtlingen Hausarrest zu geben. Ok. Die jugendlichen Flüchtlinge lungern auf dem Kornmarkt herum und trinken Bier. Haben wir das früher nicht gemacht? Als wir kleine Punker waren? Hat damals auch nicht jedem gefallen. Aber hat jemand über Hausarrest geredet? Ok, wenns Stress mit Faschos gab – du erinnerst Dich – waren wir meistens die Schuldigen. Wir hatten die beschauliche Kleinstadtruhe gestört, sagten die die, für Ornung sorgen wollten. Wie fast überall in Ostdeutschland. Insofern ist ja alles beim Alten geblieben. Wir haben uns damals auch nicht einfach zusammenschlagen und vertreiben lassen. Weder von den Bullen noch von den Faschos. So what! Das Problem, das die Faschos, die in der Presse liebevoll als „Einheimische“ bezeichnet werden mit den Flüchtlingen haben? Dass die Flüchtlinge da sind! Was sollen sie denn machen? Sollen sie sich vom Erdboden verschlucken lassen? BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH rufen die „Einheimischen“ und meinen alle, die nicht in ihre „national befreite“ Zone passen. In Bautzen haben sie sich bestens organisiert. Und zwar beim 3. Weg. Das sind die, denen die NPD zu lasch ist. Aber die Flüchtlinge sollen schuld an der Schlägerei sein. Zum Glück gibt es noch ein paar vernünftige Leute in und um Bautzen. Die organisieren dieses Festival unter dem Motte „Zhromadnje přećiwo rasizmej a fašizmej!“ am 12. November. „Gemeinsam gegen Rassismus und Faschismus“ heißt das. Die haben das schon mal gemacht vor anderthalb Jahren. Ist schön gewesen, liebe Martina. Alle moshten und stagedivten und es war völlig egal ob Sorbe oder Syrer, Afganin oder Deutsche. Sorbenmetal und Moshen – das war wichtig! Ich hoffe, es wird diesmal auch wieder so. Diesmal spielen unter anderem Pisse, die du ja auch so gerne magst. Kommste vorbei Martina? Dann könnten wir Carola für ne Weile bei meiner Mama lassen und zusammen Pogo tanzen. Tut uns bestimmt gut.

Machs gut. Sei geküsst und umarmt.
Deine Anja

PS: Damit das Ganze etwas plastischer wird, habe ich Dir noch einen Flyer mitgeschickt:

Share and Enjoy:
  • Twitter

0 Antworten auf „Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 2)“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun − vier =