Archiv für Oktober 2016

Putacion/Paraguay, 17.5.2039

Es war schon früher Nachmittag, als Lukas die Treppen zu Antonios Kellerwohnung herunterstieg. Viel Zeit hatten sie nicht, vielleicht 3 oder 4 Stunden, dann würde für ihn die allabendliche Ausgangssperre in Kraft treten. Bis 19 Uhr musste er zurück in der Unterkunft sein, das hatten die Behörden von Putacion so verfügt, nachdem es vor ein paar Wochen massiven Ärger gegeben hatte. Natürlich konnte er nichts dafür, und die allermeisten Europäer, die in seinem Containerlager wohnten, auch nicht; höchstens vielleicht diese paar Bekloppten aus Block 4, die gerne durch die Stadt zogen und ihre paar Pesos in Zuckerrohrschnaps umsetzten. Idioten hast du halt überall. Lukas sah zu, dass er sich von denen fernhielt, aber für die Einheimischen waren sie halt alle nur „die Europäer“…

Ein Text vom Papst. Weiter gehts beim Kopfstand-Blog, auf dem ab jetzt jeden Tag Auszüge aus den vergangenen 16 Kopfständen veröffentlicht werden.

Schlechtes Wetter, Elbflorenz! Geburtstagsgrüße und Kaltfront

Dresden wie immer. Pegida wird umarmt, Gegenprotest kriminalisiert. Es ist eben Dresden. Zum zweiten Pegida-Geburtstag möchte ich da nicht abseits stehen, sondern mit einem kurzen und prägnanten Titel gratulieren.

Soweit so schlecht. Alles ziemlich düster. Von den Zahlenverhältnissen bis zu den Bullen. Insofern wundert es nicht, dass aus dem schönen Elbflorenz auch düstere Musik kommt und das schon seit den tiefsten DDR – Zeiten.

Gestern gabs das live im Supamolly. KALTFRONT kenne ich aus den 90ern. Damals interessierte ich mich für Musik aus der DDR. Ich wollte eben kein Wessi werden. Ich habe aber schnell herausgefunden, dass der alte Ostrock zu großen Teilen langweilig, schnulzig und – für mich als 14-15 – jährigen wichtiger – bei meinen Mitpubertierenden sozial inkomatibel war. Punk hingtegen hörten viele. Ostpunk war ein Kompromiss. Und so hörte ich das ganze Zeug von FIRMA bis SCHLEIMKEIM, von ERNÄHRUNGSFEHLER bis ICHFUNKTION. Und eben KALTFRONT, deren Tapes ich in einem dresdner Plattenladen fand. Zu diesem Zeitpunkt gab es KALTFRONT auch nur noch auf Kassetten, was ich bedauerte, weil dieser Abgesang auf die DDR irgendwie auch mein Lebensgefühl als Postwende-Jugendlicher traf.

Vor ein paar Jahren konnte ich sie live in der Groove-Station in Dresden sehen und fand es so halb gut. Wie das eben so ist mit den alten Helden, die die Songs ihrer Jugend spielen. Gestern hab ichs im SUPAMOLLY noch mal probiert. Dieses war gut Gefüllt und das Publikum war eine Generralversammlung der alten Punks. Beinahe jedenfalls – es fehlten auch ein paar. Für EUGENE RIPPER, der davor spielte kam ich zu spät. Dafür konnte ich KALTFRONT in voller länge betrachten und ers hat mir besser gefallen als 2005 Dresden. Druckvoll und aufgeräumt spielten sie etwa zur Hälfte alte und neue Sachen. Und obwohl mich /(wie den Großteil des Publikums) die alten Songs mehr mitgenommen haben, freue ich mich, dass KALTFRONT nicht einfach stehengeblieben sind. Dann könnte ich ja auch einfach die alten Tapes hören. Ich hatte im Anschluss noch die Gelegenheit bei der Gardarobe ein wenig mit Jörg herumzulungern und ein paar Worte zu wechseln. Ich habe versucht, in meinem Notitzbuch einigermassen mitzuschreiben.

Da das Konzert mit einem Lied von PARANOIA aufhörte, das ich als Jugendlicher gehasst habe, musste ich auch gleich danach fragen:

Jörg: Mit Kaltfront hat das wenig zu tun. Es ist punkkritisch aufgrund der Erlebnisse, die wir hatten. Die kreative Phase war schnell vorbei. Bald war es nur noch Abklatsch. Wir hatten noch mehr songs wie den. Das ist auch nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Auch jetzt noch. Beim Ostpunk Open Air in Rochlitz hat einer gepfiffen und gerufen: „Spaltersong!“ und „Kidpunks sind auch wichtig“ oder so.

Wie kam dass eigentlich, dass Ihr nach so langer Zeit wieder zusammen gespielt habt?

Jörg: 2005 in der Grove-Station war inoffiziell. Obwohl es sich ganz gut herumgesprochen hatte. Das war auch so ein Test. Zwei Monate später spielten wir dann im Kurländer Palais, früher der Jazzklub Tonne. Eigentlich kam die Idee weniger von uns, sondern von Freunden. Zuerst wollten wir für einen Geburtstag von einem von uns spielen, das hat aber noch nicht geklappt. Daß wir wieder zusammenspielen war weder logisch noch vorhersehbar. Wir hatten uns auseinandergelebt und auch zum Teil mit der Musik nichts mehr zu tun gehabt. Das war dann eine… eine günstige Strömung, dass das zusammengekommen ist.

Wenn Du die Punkszene von heute und damals vergleichst. Was hat sich verändert und was is gleich geblieben?

Jörg: Schwierige Frage. Das „Früher“ kannte ich ja nur aus der Ostpunkperspektive. Da war im Westen ja schon mal Einiges anders. Mich würde ja mal interessieren, wie es jetzt wäre, wenn noch Osten wäre… Eigentlich hat sich äußerlich nicht viel verändert. Es gibt viel Abklatsch und es gibt diese Aufspaltungen: Hardcore, Gothic… Aber diesen Pioniergeist gibt es nicht mehr. Das ist ja wie mit Elvis. Der galt auch mal als Rebell und war dann nur noch Schlager. So ist es zum Teil auch mit Punk heute.

Was hörst Du eigentlich jetzt für Musik?

Jörg: Ne Zeit lang hab ich so 50er/60er Musik gehört. Schwarzer Blues vor Elvis. Das war im besten Sinn Schock! Ich war positiv überrascht, dass es solche Mucke vor Elvis gab. Oder so Soul, Reggae… viel altes Zeug. Wenn Bands jetzt auf 50er/60er machen ist das eher Klamauk und Kostümierung. Zur Zeit höre ich alles was runter zieht. Lustige Musik nervt mich meistens.

Es gibt ja viele alte Kaltfront – Songs, die Leute berührt haben oder sie berühren und die Ihr nicht mehr spielt. Für mich z.B. war „Karriere“ total wichtig, obwohl das jetzt musikalisch kein Weltwunder war…

Jörg: Manchmal wünsche ich mir, dass wir für manche Texte bessere Musik gemacht hätten. Wobei ich nicht weiß, ob wir das damals überhaupt konnten. Damals waren wir froh, wenn wir aus dem Proberaum kamen und drei neue Songs hatten. Die waren dann aber auch schnell zusammengebastelt. Heute haben wir ein paar alte Songs neu gebaut. Ist aber immer die Frage wieviel Arbeit in man in die alten Songs steckt.
Es gibt auch Leute, die finden, daß das auf den alten Kassetten besser geklungen hat. Ist für mich ganz interessant, was für Eigenschaften die Leute so nennen. Am Ende sollten wir nicht versuchen etwas zu kopieren, sondern einfach unser Ding machen.

Zum Schluss: Ihr kommt ja aus Dresden und da kommt man so schlecht dran vorbei. Pegida hat Geburtstag und dieser Bachmann ist ja in etwa Eure Generation…

Jörg: Wir kennen den nicht! Aber das alles in Dresden verwundert mich nicht. Auch nich wie weit das geht. Manchmal ist es erstaunlich wer da hingeht und darüber zerstreiten sich Freundeskreise und Familien. Manche Leute waren ja sehr Überrascht. Die wohnen in der Neustadt und kommen da nicht raus. Ich wohne eher außerhalb und sehe diese Leute jeden Tag. Auch schon vor Pegida. Ich glaube Dresden ist ziemlich prädestiniert dafür.

Warum?

Jörg: Ich habe keine gute Meinung von Dresden. Es ist schwer, das genau zu beschreiben. Diese konservative nörgelige Grundstimmung gegen alles Fremde, alles Neue. Pegida ist da die logische Folge. In jeder Famlie gibt es Leute, die so drauf sind. Bei Familienfesten oder Kneipengesprächen bist du ganz schnell bei „Ausländer raus“. Die Flüchtlinge sind da nur der Anlass. Hätte es keine Flüchtlinge gegeben, hätten sie was anderes gefunden…

Jetzt kommen Jörgs Kollegen mit der Technik vorbei. Jörg entschuldigt sich und trägt mit. Danke für das Interview! Ich hoffe, ich hab alles halbwegs gut wiedergegeben. Das Supamolly hat sich unterdessen deutlich geleert. Trotzdem treffe ich noch ganz alte Freunde mit denen ich noch langsam durch Friedrichshain schlendere… Schöner Abend! Danke KALTFRONT!

Eigentlich hätte ich Jörg gern noch ein paar Sachen gefragt. Z.B. wie er die ganzen neu herausgekommene Reflektionsliteratur zur Wende sieht. Gerade 89/90 von Peter Richter, dass ja in Dresden spielt und in dem Kaltfront auch vorkommen. Von Jörg hab ich noch einen Text in der REVOLUTION TIMES (ein verblichenes rätekommunistisches Redskin-Zine aus Lübeck) über frühe Skinheads in der DDR gefunden. Auch da viel Stoff für lange Interviews. Vielleicht besser so – wer soll das am Ende alles lesen. Oder eben ein anderes Mal.

Nun muss noch ein kleiner Abspann ran. die Klarstellung am Anfang ist von KÖTERKACKE und ich habs mit Smail Shock für SOLLBRUCHSTELLEN noch mal aufgenommen.

Kopfstand Nr. 17

Erstaunlicherweise haben wir jetzt schon das Plakat für den Novemberkopfstand fertig:

Kopfstand am 3. November 20:00 in der Baiz

Auch gibt es schon einen Ankündigungstext:

Donnerstag, 3. November 20 Uhr in der Baiz (Schönhauser Allee 26A)

Elche laufen auf MDMA über ein Hippiefestival und treffen auf esoterische Skinheads („ohm ohm ohm“).
Jürgen K. ist nach seiner Haftstrafe im Berliner Zoo (oder war es der Tierpark?) wieder auf freiem Fuß.
Sigmar Gabriel wurde von einem sibirischen Steinbock als Geisel genommen.
Anja schreibt Briefe aus Budyšin/Bautzen, Martina ist auf der Suche nach sich selbst und die Mafia noch immer auf der Suche nach Jürgen.
Und das ist erst der Anfang…

Sphärische Untermalung liefern Geige, Kontrabass, Waschbrett und die zarten Stimmchen von Geigerzähler, Der Papst, seine Frau und sein Porsche und Sahara b.

Eventuelle Gäste sind noch geheim.

Und nicht zuletzt: Der Kopfstand hat jetzt einen eigenen Blog: http://kopfstand.blogsport.de/ Hier gibts ab dem Wochenende jeden Tag neue Texte aus den letzten 16 Nummern.

Soligedicht

Gute Nachrichten. Das kleine Gedicht ist jetzt zum Glück nur noch halb so dringend wie letzten Donnerstag, als ich es beim Kopfstand verlesen hab. Da aber grade die letzten beiden Strophen erst veralten, wenn die ganzen Justizvollzugsanstalten Steinhaufen oder Museen für die Geschichte der Repression sind, schmeiße ich es mal in das Netz:

Moabit und Bastille

In Moabit ist anscheinend noch alles beim Alten
dort wo die Schließer dein Leben verwalten
In Moabit ißt du neben dem Klo
Das Essen schmeckt nicht, doch das ist eben so.

Von weitem riechst du den Herbstwind, siehst ein fallendes Blatt
Merkst erst jetzt was man vom Draußensein hat
Wartest und wartest in Untersuchungshaft
Auf den Prozess, dann ists vielleicht geschafft

Dabei wolltest du draußen nur demonstrieren
wolltest ausnahmsweise mal nicht verlieren
Widerstand haben sie es genannt
jetzt sitzte hier und starrst an die Wand

Die Polizei, wenn sie will, die darf einfach machen
Zum Beispiel prügeln und andere Sachen
Wenn du zurückschlägst und sei’s mit ne‘m Spruch
Hast du ganz schnell mal nen Landfriedensbruch

Verzage nicht und sei niemals still
Es genügt ein Gedanke an die Bastille
Die war dann auch nur ein Trümmerhaufen
woran man sieht – es kann auch andersrum laufen

Verdammt! Wir hier draußen – wir müssen das schaffen!
Egal ob mit Worten oder mit Waffen
Wir müssen laut sein, geben keine Ruh:
FREIHEIT FÜR AARON UND BALU!

Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 2)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Sei umarmt. Carola geht es gut, aber sie vermisst Dich. Ich vermisse Dich auch. Ich liebe Dich und ich brauche Dich! Hast du die Presse verfolgt? Ich möchte in Deinen Armen liegen und quatschen. Wir haben uns gestritten, aber das ist egal. Hier in Bautzen habe ich manchmal das Gefühl, dass Du die Einzige wärst, die mich versteht. Schließlich kommst Du aus Freital und da ist es auch nicht besser. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH! schreien sie. Was für eine absurde Scheiße. Bautzen war nie nur deutsch und hieß bis vor 150 Jahren auch auf deutsch Budissin, bis das irgendwelchen stolzen Deutschen zu slawisch klang. Bautzen war immer bikulturell. Aber sie schreien BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH. Wahrscheinlich hat die Hälfte von ihnen selber sorbische Großeltern, aber das stört sie nicht. BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH schreien sie und dem Bürgermeister, der von Grünen, SPD und Linken gegen die CDU gewählt worden ist, fällt nichts besseres ein, als mit den Arschlöchern zu reden und den Flüchtlingen Hausarrest zu geben. Ok. Die jugendlichen Flüchtlinge lungern auf dem Kornmarkt herum und trinken Bier. Haben wir das früher nicht gemacht? Als wir kleine Punker waren? Hat damals auch nicht jedem gefallen. Aber hat jemand über Hausarrest geredet? Ok, wenns Stress mit Faschos gab – du erinnerst Dich – waren wir meistens die Schuldigen. Wir hatten die beschauliche Kleinstadtruhe gestört, sagten die die, für Ornung sorgen wollten. Wie fast überall in Ostdeutschland. Insofern ist ja alles beim Alten geblieben. Wir haben uns damals auch nicht einfach zusammenschlagen und vertreiben lassen. Weder von den Bullen noch von den Faschos. So what! Das Problem, das die Faschos, die in der Presse liebevoll als „Einheimische“ bezeichnet werden mit den Flüchtlingen haben? Dass die Flüchtlinge da sind! Was sollen sie denn machen? Sollen sie sich vom Erdboden verschlucken lassen? BAUTZEN BLEIBT DEUTSCH rufen die „Einheimischen“ und meinen alle, die nicht in ihre „national befreite“ Zone passen. In Bautzen haben sie sich bestens organisiert. Und zwar beim 3. Weg. Das sind die, denen die NPD zu lasch ist. Aber die Flüchtlinge sollen schuld an der Schlägerei sein. Zum Glück gibt es noch ein paar vernünftige Leute in und um Bautzen. Die organisieren dieses Festival unter dem Motte „Zhromadnje přećiwo rasizmej a fašizmej!“ am 12. November. „Gemeinsam gegen Rassismus und Faschismus“ heißt das. Die haben das schon mal gemacht vor anderthalb Jahren. Ist schön gewesen, liebe Martina. Alle moshten und stagedivten und es war völlig egal ob Sorbe oder Syrer, Afganin oder Deutsche. Sorbenmetal und Moshen – das war wichtig! Ich hoffe, es wird diesmal auch wieder so. Diesmal spielen unter anderem Pisse, die du ja auch so gerne magst. Kommste vorbei Martina? Dann könnten wir Carola für ne Weile bei meiner Mama lassen und zusammen Pogo tanzen. Tut uns bestimmt gut.

Machs gut. Sei geküsst und umarmt.
Deine Anja

PS: Damit das Ganze etwas plastischer wird, habe ich Dir noch einen Flyer mitgeschickt:

Post aus Bautzen/Budyšin (Nr. 1)

In unserer monatlichen Seifenoper (immer am ersten Donnerstag in der Baiz) ist Anja grade nach Budyšin/Bautzen gezogen. Von da aus schreibt sie Briefe:

Liebe Martina

Hier in Bautzen ist es schön. Meine Mutter umsorgt uns liebevoll und die Altstadt ist wunderbar zum Spazierengehen mit Carola auf dem Arm. So viele alte Häuser, Türme, die Ortenburg. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber ich vermisse Dich. Was macht Jürgen? Ist er immer noch ein Elch? Komm doch mal 3 Tage nach Bautzen zur Erholung, dann kann ich dich endlich in echt umarmen.
Letztens waren wir in Dresden. Meine Mutter musste dort was einkaufen und ich dachte, daß so ein Tapetenwechsel eigentlich nichts Schlechtes ist. Woran ich nicht gedacht habe: Es war Montag. Ich schlendere also ganz gemütlich über den Neumarkt und da sehe ich ihn. Leibhaftig. Lutz Bachmann auf einem Pritschenwagen. Lutz Bachmann der quatscht, schreit und weiß wo es langgeht! Ich sage Dir, Martina: Das mit der Lügenpresse stimmt! Nicht weil die Presse schlecht über Pegida schreibt, sondern weil sie zu nett schreibt. Ich habe noch nie so abstruse Hetze aus einer derart seltsamen Parallelwelt gesehen. Die Hölle auf Erden. Wenn ich nur dran denke, muss ich fast Kotzen. Ein Glück, dass Carola schläft. Zuerst die Pegida-Hymne. Bombastischer Schwulst mit Kirchenglocken. Dann Debritz mit den Auflagen. Dann Wortfetzen: „Die Arbeitsscheuen Schreikinder“ – Das bin wohl ich. „ABSCHIEBEN!“ – Sprechchöre aus tausend Kehlen. Die Grenze müsse „geschlossen und ein Prozess der Remigration in Gang gesetzt werden“. „Die vergewaltigenden Horden von Nordafrikanern.“ Genau. DIE Nordafrikaner. Alle! Mir bleibt bei soviel unverblümten Rassismus die Spucke weg. Aber auf der Bühne – da gehts weiter. Hitler sei ein Anhänger des Islams gewesen und Pegida eine Art antifaschistische Bewegung. Aha. Frauenrechte werden gepredigt von Leuten, die sich noch nie dafür interessiert haben. Arabischer Antisemitismus wird kritisiert von den Meistern der Weltverschwörungstheorie. „Sie kommen um Europa zu besetzen“ wird ein ungarischer Bischof zitiert. „Wir bleiben um zu siegen und wir werden siegen“. Rufen die Pegidisten. Jetzt kommt Petra. „Die deutschen Männer sind keine Sexmonster“, sagt sie und hat eine interessante Mischung aus Versatzstücken des DDR-Feminismus und Rassismus zu bieten. Das Publikum ruft „Volksverräter!“
Petra: „Wir werden es nicht hinnehmen, das in unserem schönen Sachsen…“ Der Rest geht im Chor der Pegidisten unter. WIDERSTAND! schreien sie. Im schönen Sachsen, denke ich. Wo zwischen Polizei und Pegida kein Blatt passt. Wo sie sich mit Handschlag grüßen und das Problem immer die „Linksextremisten“ sind. Es ist schwer diesem Bachmann zuzuhören. Immer frage ich mich, ob er jetzt nicht langsam mal sagen sollte, dass das nur ein Sozialexperiment der Titanic oder so war. Das er sie alle verarscht hat. Aber nein. Für ihn und die selbstbewußten 1500 sächsischen Bürger, die da auf der Straße stehen, ist das was Bachmann und andere von der Bühne Kotzen die Realtität.
Was soll man da machen? Ich weiß es auch nicht, liebe Martina. Komm mich trotzdem mal in Bautzen besuchen. Da ist es schön mit all den Türmen. Unsere Tochter wächst und gedeiht. Aber ich frage mich manchmal, in was für eine schreckliche Welt wir sie hineingeschickt haben.

tausend Küsse und Umarmungen
Deine Anja