Das gute Sachsen

In Hamburg fliegt die dritte verdeckte Ermittlerin nach Beendigung des Einsatzes auf. Irre. Auf Indymedia Linksunten und beim FSK gibts brauchbare Einschätzungen. Ich sitze währenddessen Zuhause herum und frage mich, ob es gut oder schlecht ist, dass sowas in Berlin nicht passiert. Soll ich jetzt willkürlich jede und jeden verdächtigen, der/die nicht den üblichen Szene-Stallgeruch hat? Lieber nicht! Dann hätten sie ja erreicht, was sie wollen. In der Hauptstadt wird unterdessen ein missliebiger Journalist durchsucht. Auch schön.

In Sachsen stellen sich diese Fragen noch mal ganz anders. Braucht die Polizei überhaupt Spitzel in der linken Szene oder ist sie zusammen mit dem Verfassungsschutz immer noch ganz damit beschäftigt, irgendwelche Kameradschaften aufzubauen, wie zu den seeligen Zeiten des NSU? Oder beides in symbiotischer Kombination? Keine Ahnung und nicht aufzulösen. Auf jeden Fall passieren im Freistaat auch ansonsten gruselige Dinge, die nicht im Aktenschredderer versinken, sondern ganz offen in der Zeitung stehen. Da sind selbst bürgerliche „Extremismusexperten“ nicht vor Maulkörben gefeit, die ihnen ein Richter mit AfD Parteibuch umhängt und das auch noch „wegen Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung“. Da mutet es dann schon fast harmlos an, wenn ein Bautzner Bauunternehmer die Antifa mit der SA vergleicht. Daß die CDU Pegida hinterherrennt und den Patriotismus als gesellschaftlichen Kitt wiederentdeckt, ist ja eher alltägliches sächsisches Hintergrundgeräusch, bei dem man kaum noch den Kopf hebt. Apropos: Gesellschaftlicher Kitt heißt dann sowas wie: „Wenn ich schon 60 Stunden arbeite und trotzdem kaum meine Miete/mein Häuschen/mein Auto bezahlen kann: Wenigstens bin ich Deutscher!“ Das gilt für die CDU und noch mehr für Pegida und AfD. Das wirtschaftliche Programm letzterer ist schlimmer als das der FDP und das will was heißen. Der Kitt, der den Bautzner Bauunternehmer mit Niedriglöhnern und Erwerbslosen zusammenkleistert, scheint in Sachsen noch besser zu kleben als anderswo: Nationaler Taumel statt sozialer Bewegung; Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. Das ist das Kissen, auf dem solche Leute wie unser Bauunternehmer es sich bequem machen und in aller Ruhe Menschen mit oder ohne deutschen Pass oder Herkunft ausbeuten können. Wunderbare „Leitkultur“! Die Anderen „müssen sich mit Haut und Haaren auf unser Land, auf unsere Gesellschaft einlassen“ und eingehüllt in schwarzrotgoldene Farben geht alles seinen neoliberalen Gang.

Soweit so deprimierend. Um so schätzenswerter und beinahe erstaunlich ist es, daß es unterm grünweißem Himmel sowas wie ein Antisachsen* gibt. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch im schönen Mittelsachsen. Dort, wo sich die Freiberger Mulde romantisch vom Erzgebirge kommend durch sächsische Hügel schlängelt, begleitet vom silbernen Band Regionalbahn, das auch in den stillgelegten Abschnitten noch nicht verrostet ist, weil hin und wieder noch ein paar Güterzüge fahren dürfen. Eben dort sind neben malerischen Burgen und Schlössern auch drei alternative Jugendzenten in Rosswein, Döbeln und Leisnig zu Hause. In Leisnig, das etwa in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden liegt**, gibt es dieses Wochenende ein süßes kleines Festival. Es ist mir eine Freude, morgen Nacht dort zu spielen. Denn nur das Antisachsen ist das gute Sachsen!

*Das ist hier in etwa in dem Sinne gemeint wie 1987 hinter dieser Mauer in Westberlin. In Mittelsachsen hat das dann aber weniger mit Steinen usw zu tun. https://www.youtube.com/watch?v=9c8458pMDps

**Hier gibts sogar noch ne Regionalbahn!!! Und die fährt bis spät in der Nacht!!!

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