Archiv für Mai 2016

Das gute Sachsen

In Hamburg fliegt die dritte verdeckte Ermittlerin nach Beendigung des Einsatzes auf. Irre. Auf Indymedia Linksunten und beim FSK gibts brauchbare Einschätzungen. Ich sitze währenddessen Zuhause herum und frage mich, ob es gut oder schlecht ist, dass sowas in Berlin nicht passiert. Soll ich jetzt willkürlich jede und jeden verdächtigen, der/die nicht den üblichen Szene-Stallgeruch hat? Lieber nicht! Dann hätten sie ja erreicht, was sie wollen. In der Hauptstadt wird unterdessen ein missliebiger Journalist durchsucht. Auch schön.

In Sachsen stellen sich diese Fragen noch mal ganz anders. Braucht die Polizei überhaupt Spitzel in der linken Szene oder ist sie zusammen mit dem Verfassungsschutz immer noch ganz damit beschäftigt, irgendwelche Kameradschaften aufzubauen, wie zu den seeligen Zeiten des NSU? Oder beides in symbiotischer Kombination? Keine Ahnung und nicht aufzulösen. Auf jeden Fall passieren im Freistaat auch ansonsten gruselige Dinge, die nicht im Aktenschredderer versinken, sondern ganz offen in der Zeitung stehen. Da sind selbst bürgerliche „Extremismusexperten“ nicht vor Maulkörben gefeit, die ihnen ein Richter mit AfD Parteibuch umhängt und das auch noch „wegen Dringlichkeit ohne mündliche Verhandlung“. Da mutet es dann schon fast harmlos an, wenn ein Bautzner Bauunternehmer die Antifa mit der SA vergleicht. Daß die CDU Pegida hinterherrennt und den Patriotismus als gesellschaftlichen Kitt wiederentdeckt, ist ja eher alltägliches sächsisches Hintergrundgeräusch, bei dem man kaum noch den Kopf hebt. Apropos: Gesellschaftlicher Kitt heißt dann sowas wie: „Wenn ich schon 60 Stunden arbeite und trotzdem kaum meine Miete/mein Häuschen/mein Auto bezahlen kann: Wenigstens bin ich Deutscher!“ Das gilt für die CDU und noch mehr für Pegida und AfD. Das wirtschaftliche Programm letzterer ist schlimmer als das der FDP und das will was heißen. Der Kitt, der den Bautzner Bauunternehmer mit Niedriglöhnern und Erwerbslosen zusammenkleistert, scheint in Sachsen noch besser zu kleben als anderswo: Nationaler Taumel statt sozialer Bewegung; Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. Das ist das Kissen, auf dem solche Leute wie unser Bauunternehmer es sich bequem machen und in aller Ruhe Menschen mit oder ohne deutschen Pass oder Herkunft ausbeuten können. Wunderbare „Leitkultur“! Die Anderen „müssen sich mit Haut und Haaren auf unser Land, auf unsere Gesellschaft einlassen“ und eingehüllt in schwarzrotgoldene Farben geht alles seinen neoliberalen Gang.

Soweit so deprimierend. Um so schätzenswerter und beinahe erstaunlich ist es, daß es unterm grünweißem Himmel sowas wie ein Antisachsen* gibt. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch im schönen Mittelsachsen. Dort, wo sich die Freiberger Mulde romantisch vom Erzgebirge kommend durch sächsische Hügel schlängelt, begleitet vom silbernen Band Regionalbahn, das auch in den stillgelegten Abschnitten noch nicht verrostet ist, weil hin und wieder noch ein paar Güterzüge fahren dürfen. Eben dort sind neben malerischen Burgen und Schlössern auch drei alternative Jugendzenten in Rosswein, Döbeln und Leisnig zu Hause. In Leisnig, das etwa in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden liegt**, gibt es dieses Wochenende ein süßes kleines Festival. Es ist mir eine Freude, morgen Nacht dort zu spielen. Denn nur das Antisachsen ist das gute Sachsen!

*Das ist hier in etwa in dem Sinne gemeint wie 1987 hinter dieser Mauer in Westberlin. In Mittelsachsen hat das dann aber weniger mit Steinen usw zu tun. https://www.youtube.com/watch?v=9c8458pMDps

**Hier gibts sogar noch ne Regionalbahn!!! Und die fährt bis spät in der Nacht!!!

Jürgen aus dem Kopfstand denkt über seinen letzten Job nach…

Jürgen, der sich in der vorherigen Kopfstandfolge vorübergehend als Andreas Meier versteckt hat, meditiert über seinen letzten Job:

Es ist 3 Uhr nachts. Jürgen macht Feierabend und setzt sich in den Monbijoupark. Nachdem er jetzt schon einen Monat bei dieser Bar am Hackeschen Markt gearbeitet hat, hält er endlich einen Umschlag mit Geld in der Hand. Nun ja, ungewöhnlich – in bar. Aber da er eine nicht existierende Person ist, kommt ihm das gerade recht. Er zählt nach und zückt sein Telefon um nachzurechnen. Jürgen hatte 6 Tage die Woche 10 Stunden gearbeitet. Und während er rechnet merkt er, dass er nur 5 Tage die Woche 8 Stunden bezahlt bekommen hat. Měrćin hatte also recht! Der hatte vor zwei Wochen gekündigt und vorher noch versucht, Jürgen zum Eintritt in die Gewerkschaft zu bewegen. Jürgen hätte das gern getan, aber was sollte er als nicht existierende Person in der Gewerkschaft? Jürgen wirft wütend einen Stein in die Spree. Vielleicht hätte er sich doch dieser Gewerkschaft anschließen sollen? Das waren doch diese Anarchisten von der FAU. Sollte Anarchistinnen eigentlich die offizielle Existenz oder Nichtexistenz von Personen kömmern?
Jürgen erinnerte sich an den Trouble im Restaurant, als diese FAU dann eine Kundgebung vor dem Laden machte. Wie der Chef dermaßen ausflippte, dass sogar die Ratten in der Küche aufhörten die herumstehenden Essensvorräte anzuknabbern und sich stattdessen erschrocken in den hintersten Winkeln verkrochen. Apropos Ratten. Das muss man mal öffentlich machen! Der Chef hatte dann Měrćin und die FAU verklagt. Herausgekommen war eine einstweilige Verfügung. Diese Arschlöcher! Austeilen, aber nicht einstecken können! Jürgen wurde immer wütender, warf weitere Steine in die Spree und murmelte Flüche vor sich hin.

Měrćin hatte recht! Der hatte ihm gestern dieses Flugblatt zugesteckt, daß die FAU am 4. Juni demonstrieren würde. Vom Hackeschen Markt zur Mall of Shame. Gewerkschaftsfreiheit statt Klassenjustiz! Klingt altbacken, aber es stimmt doch auch! Was hat irgendeiner der Kellner dieser Bar denn für eine Chance ganz allein den fehlenden Lohn einzuklagen? Aber der Chef kann lustig mit einstweilgen Verfügungen um sich werfen. Jürgen steht auf. Sein Oberkörper strafft sich. Scheiß auf die Mafia! Schluss mit Andreas Meier. Noch heute würde er zu Martina und Anja gehen und sich entschuldigen. Und morgen zur FAU. Jürgen läuft los.

Die Kopfstand-Soap von Sahara B., Der Papst, seine Frau und sein Porsche und mir gibt es immer am ersten Donnerstag im Monat um 20:00 in der BAIZ. Hin und wieder haben wir auch Gäste dabei. Nächste Folge am 2. Juni.

Des Schicksaals Geburtstag

Da spiele ich jedenfalls heute.

Gefahrengebiet, Warszawa und Scheiß Nazis in Berlin

Jetzt isses passiert. Gestern hab ich geschrieben, dass es die SOLLBRUCHSTELLEN nur bei meinen Konzerten gibt. Und jetzt steht da plötzlich dieser Flyer für das Konzert am 7. 5. in Warszawa/Pl auf Youtube herum:

Eigentlich ganz schick, dass das Lied in seiner nach den mit heißer Nadel gestrickten Video- und Soundcloud-Versionen jetzt ausgereift und schön aufgenommen in Youtubeplaylisten landen kann. Danke noch mal an Smail ShocK für die Aufnahmen und an Anke, Uta, Johanna und Robert für den Chor.

Großartig ist es übrigens, dass es meine Selbstdarstellung jetzt auf Polnisch gibt:

„Dawno temu, kiedy w Berlinie stała jeszcze ta dziwna ściana z betonu, w Budziszynie urodził się chłopiec, który od wczesnych lat doświadczał muzyczno-pedagogicznych osiągnięć Niemieckiej Republiki Demokratycznej, i który chciał, mógł, powinien a wręcz musiał grać na skrzypcach.

Betonowa ściana runęła. Obciąłem się na irokeza, rzuciłem szkołę i rozpocząłem naukę jako squatters. Rozwaliłem skrzypce o ścianę jednak niedługo potem zdobyłem nowe, bo byłem zbyt leniwy, aby się nauczyć grać na gitarze. Na tych skrzypach w latach 90. grałem w zespołach o zabawnych nazwach, jak „Psie gówno”. Kiedy zespoły się rozwiązały, z nudy poszedłem w karierę solową. Potrzebowałem dla siebie nazwy i wybrałem „Licznik Geigera” (Geigerzähler). Pod tą nazwą od 2003 koncertuję głównie w krajach niemieckojęzycznych, chociaż grałem też już w Tel Awiwie, Ramallah i Nowym Jorku.

Na początku był punk bez perkusji, gitary i basu, unplugged ze skrzypcami i śpiewem. Potem przyszedł czas na folk, numery reggae i dwa duety – Berlinska Dróha i Atze Wellblech. Od czasu do czasu zdarza mi się też grać na skrzypach do muzyki elektronicznej .”

Falls Ihr es am Sonnabend nicht nach Warszawa oder Hannover schafft – da is dieser Naziaufmarsch in Berlin. Die Faschos freuen sich sicher über Begleitung und noch mehr über Blockaden. Ich wünsche maximale Erfolge!

Dies und das und nächste Konzerte:

Gibts was zur neuen CD zu sagen? Ja. Ihr bekommt sie bei meinen Konzerten und sonst nirgendwo. Jedenfalls bis die Vinylscheibe draußen ist, und das wird Anfang Oktober sein. Vorerst möchte ich aber die Danksagung aus dem Booklet (also mich selbst :-) zitieren:

Dank und Grüße:

Die wunderbaren analogen Aufnahmen hat Smail ShocK gemacht, gemischt und gemastert. Darüber hinaus hat er auch mit seinem Ohr und seinem Händchen bei der Auswahl von Arrangementvarianten und Takes Entscheidendes zu diesem Tonträger beigetragen. Uta, Johanna, Anke und Robert haben den Chor bei Fettchenhauers Alptraum und Gefahrengebiet gesungen. Das Artwork samt Fotos kommt von Stefan Hanusch. Diese CD würde es in dieser Form nicht geben ohne die schnelle und unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Kulturkatze/Setalight. Danke Euch allen! Dzakuju!

Danken möchte ich weiterhin allen, mit denen ich in den letzten Jahren Musik gemacht und Bühnen geteilt habe (insbesondere Uta und Hanz mit denen ich jeweils die Duos Berlinska Droha und Atze Wellblech teile). Darüber hinaus auch denen, die in den letzten Jahren Konzerte mit mir veranstaltet haben. Ohne Euch gäbe es diese seltsame Kunstfigur „Geigerzähler“ gar nicht.

Grüße gehen (stellvertretend für alle, die der kapitalistischen Normalität und dem gesellschaftlichen Rechtsruck etwas entgegensetzen) an die Leute in der Rigaer, die sich nicht einschüchtern lassen, die Anarchist*innen, Linken, Antifa- und Antiraaktivist*innen in den kleineren ostdeutschen Städten, die trotz widriger Bedingungen immer noch dort sind, die FAU Berlin und Zwangsräumung verhindern, die auf unterschiedliche Weise soziale Kämpfe auf den Tisch werfen und zugleich rassistischen Spaltungen entgegentreten.

Ihr seid die Hoffnung! Weiter geht’s!

Soweit. Das musste jetzt mal gesagt werden. Jetzt kommt wieder Alltag: Zuerst mal der Kopfstand in der BAIZ kommenden Donnerstag. Wir sind schon wieder dabei eine komplexe und seltsame Storyline zu basteln. Und wir haben wahrscheinlich einen Gast.
Normale Konzerte gibt es natürlich auch noch: Zum Beispiel das hier in Warszawa am 7. 5. Worauf ich mich sehr freue. Ich bin ja gerne in Osteuropa, auch wenns da grade in Polen zur Zeit politisch richtig scheiße ist. Aber es gibt eben auch ne ganze Menge Leute dort, die das genauso sehen. Ärgerlich ist aber, dass ich das RAK – Treffen verpasse, das zeitgleich in Hannover stattfindet.

Weiter gehts am Dienstag drauf in Kreuzberg im Tommy Weissbecker Haus. Dort hat der Schicksaal Geburtstag und macht nen ganzen Monat jeden Tag irgendwas. A 10. 5. eben mich. Einen Tag später wirds wieder ganz politisch und so. Da spiele ich auf dem Lausitzcamp. Das freut mich, weil ich Vattenfall schon immer ans Bein pinkeln wollte und so endlich die ersehnte Gelegenheit dafür bekomme. Anschließend gehts ab in die Oberlausitz nach Mittelherwigsdorf. Dann mal wieder mit Berlinska Droha und zwar beim Neiße-Filmfest, wo Robert auch mal wieder das Weißkohlraumschiff zeigt.

Soweit zur nahen Zukunft: Zum Schluss ein Rückblick auf den Tag der Befreiung letztes Jahr:

Kombiniert mit einem Ausblick: