Archiv für November 2015

Der neunte Kopfstand

Wir haben die Ehre den King vom Prenzlauer Berg ankündigen zu dürfen. Mit ihm können wir in alte Geschichten eintauchen. Vielleicht wird er auch rappen. Oder beides. Mal sehen. Mit Gospudin D. werden wir in düsteren Dokumenten stöbern. Ansonsten treffen wir wie immer Martina aus Freital, Jürgen aus Bottrop, einen streunenden Elch auf der Suche nach dem Sinn und weitere Persönlichkeiten. Wie das alles zusammenhängt, wird nicht im Netz ausgeplaudert, sondern live am 3. 12. um 20:00 in der Baiz aufgeführt.

The Preacher and The Slave oder die Aktualität einer Geschichte

Ich muss Plakate aufhängen und Flyer verteilen für dieses Konzert zum 100. Jahrestag des Justizmordes an Joe Hill. Wie man das so macht. Mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt und in jeder fünften Kneipe ein kleines Bier. Aber nicht zu lange – es muss ja vorwärts gehen. Im Tommy Weissbecker Haus (auch so ein Name mit Geschichte), sprechen mich drei Jugendliche darauf an, was ich verteilen würde. Sie denken, es wäre für den Refugee Schul und Unistreik und winken ab, als es nichts aktuelles ist. Ich sitze auf meinem Fahrrad und frage mich, was ich da eigentlich mache. Die Welt ist aus den Fugen, Syrien pulverisiert und warlordisiert, die Türkei schlittert in den Bürgerkrieg, der in der Ukraine seinen Gang geht, das reiche Deutschland tut überfordert mit einer Anzahl Flüchtlingen, über die der Libanon nur müde lächeln würde, während die Rassisten Oberwasser kriegen und fast jeden Tag ein (geplantes) Flüchtlingsheim brennt (Und während ich diese Zeilen tippe erschießen fanatisierte Islamisten wahllos die Besucher eines Konzerts). Und was mache ich? Ich organisiere eine Kulturveranstaltung in Erinnerung an einen Justizmord vor 100 Jahren!
Ich tröste mich mit bekannten Formeln wie, daß die Linke doch ihre Geschichte nicht vergessen sollte und frage mich zugleich ob das nicht grade zweitrangig ist. Ist es. Das ändert aber nichts daran, dass die Vergangenheit auch im Hinblick auf die Gegenwart ihre interessanten Seiten hat.

Joe Hill war so etwas wie ein „Wirtschaftsflüchtling“. Aus dem damals noch armen Schweden eingewandert, gehörte er zu denjenigen, die in diversen Einwanderungswellen den deprimierenden Lebensumständen Zuhause entflohen und in Amerika angekommen in den beschissensten Jobs landeten, als WanderarbeiterInnen von Job zu Job zogen und von den etablierten Gewerkschaften für unorganisierbar gehalten wurden. Wie viele andere aber organisierte sich Joe Hill in der 1906 gegründeten IWW. In der One Big Union wurden die Spaltungslinien innerhalb der ArbeiterInnen unbedeutend: Herkunftsländer, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion – all das verlor an Bedeutung angesichts des Zieles der Emanzipation der ArbeiterInnen von der Lohnsklaverei. Auch ansonsten war die IWW bahnbrechend. Textilarbeiterinnen – als Frauen von den etablierten Gewerkschaften bisher missachtet – organisierten mit der IWW große Streiks und Emma Goldman – Anarchistin und IWW – Mitglied – betrieb Sexualaufklärung unter Arbeiterinnen und agitierte für die Befreiung der Frauen. Zugleich machte die IWW die rassistische Spaltung der ArbeiterInnen nicht mit – in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft keine Kleinigkeit.
Große Teile dieser Agitation fanden auf Seifenkisten statt. Der Staat und religiöse Gruppen versuchten das zu unterbinden. Der Staat mit Repression, die Heilsarmee mit ihren Blaskapellen. Die ArbeiterInnen sangen auf die Melodien einfach einen anderen Text. The Preacher And The Slave ist so ein Beispiel.

Die IWW gibt es noch. Aber nicht als die große ONE BIG UNION, sondern als kleine Minderheitengewerkschaft – in Deutschland etwas kleiner als die FAU. Zermalmt in der Red Scare – Kampagne blieb sie aber eine wichtige Inspirationsquelle für spätere Kämpfe und dies sollte sie auch heute sein. Zum Beispiel was Geflüchtete betrifft, die uns bald grade in den unangenehmen Jobs und auf den Ämtern begegnen werden. Rassismus a la Pegida kann nur in eine loose-loose Situation führen. Grade wegen rassistischer Ausgrenzung wären die neuen KollegInnen dazu gezwungen zu den beschissensten Bedingungen zu arbeiten. Helfen könnte gemeinsame Organisierung.
Ob diese Perspektive in einer Zeit, in der jedes zarte Pflänzchen der Emanzipation zwischen reaktionären Desastern a la Pegida oder Islamismus zermalmt wird, realistisch ist? Ich muss es hoffen und etwas tun. Oder – zurück zu Joe Hill – „Trauert nicht, organisiert euch!“.

Heute im Radio

Im freien Radiosender Pi Radio aus Berlin wird auf der Sendestrecke „Berliner Runde“ am heutigen Mittwoch zwischen 19h und 20h ein Vorgeschmack auf das Joe-Hill-Gedenkkonzert am 19. November zugunsten der GG/BO präsentiert.
Wir hoffen auf eine rege Zuhörer_innenschaft…

Schreibt die Gefangenengewerkschaft. Ich werde die Sendung mit gestalten. Vielleicht hören wir uns.

Eine fette Zusammenstellung von Songs von und über Joe Hill gibts übrigens bei http://joe-hill-aint-dead.org/

Sollbruchstellen

Live beim PIRADIO – Geburtstag.

Die besten Ingenieure
rechnen und denken
bei Kühlschränken und bei Waschmaschinen
bei jedem verdammten Produkt
es soll nicht so schnell passieren
aber zu lange warten
macht die Wirtschaft kaputt!

Sollbruchstellen

manchmal träume ich
von gebratenen Tauben
in meinem Mund
Maschinen surren fröhlich
und wenn ich aufstehn will
spiele ich Geige oder Computer oder so
Aber ach!
Ist der Kapitalismus verrückt geworden oder bin ich nicht ganz dicht?

Sollbruchstellen

hinfort mit dem Öl und der Kohle!
wir bauen Plastikstrudel im Ozean
auf tausenden Quadratkilometern
wälzt sich das Granulat im Kreis
ich schiebe den Gedanken zur Seite
denn ich muss Geld verdienen
weil mein Laptop ist schon wieder kaputt!

Sollbruchstellen
gibt es auch menschliche
Sollbruchstellen
wo kann ich das lernen?
Sollbruchstelle zu sein

Widmung

Eine Freundin hat sich beschwert, dass ich Dresden immer Pegidistan nenne. Das wäre so, als wäre Lutz Bachmann da jetzt Ministerpräsident und hätte eine von der NPD tolerierte Koalition mit der AfD. Stimmt schon. Soweit ist es glücklichweise noch nicht, auch wenn man sich dessen angesichts der real existierenden sächsischen Landesregierung nicht immer sicher ist.
Die Leute, denen ich mit dem Begriff Pegidistan am meisten Unrecht tue, sind diejenigen, die immer noch gegen Pegida demonstrieren und/oder Geflüchtete unterstützen. Und das sind zum Glück gar nicht so wenige. Alle, die in der Öffentlichkeit oder im Freundeskreis dagegenhalten, sollten sich von Pegidistan nicht angsprochen fühlen. Diesen Leuten möchte ich mein Konzert morgen in der Chemo widmen.

Übermorgen wird es diesen Aufmarsch der „Rechten“ in Bautzen/Budyšin geben. Wäre gut, wenn viele dagegenhalten. Aber auch in Berlin gibts was zu tun.

Das Land, daß es nicht mehr gibt

Vierter November 1989. Ich – ein 11-jähriger Junge – sitze auf einem Bäumchen am Alexanderplatz und höre zu. Ich höre, wie Markus Wolf und Schabowski ausgebuht werden. Ich höre gespannt die ganzen Reden für einen freien Sozialismus und eine andere DDR. Ich höre auch die vielzitierten Worte von Stefan Heym:

„Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all‘ den Jahren der Stagnation – der geistigen, wirtschaftlichen, politischen; – den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. […] Einer schrieb mir – und der Mann hat recht: Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen!“

Die Zeit war voller Hoffnung und so politisiert, daß ich mich auch als 11-Jähriger nicht entziehen konnte. Nur selten in der Geschichte wurde so offen und breit über gesellschaftliche Alternativen diskutiert. Das Fenster schloss sich jedoch mit den von der CDU gewonnenen Volkskammerwahlen, der folgenden Währungsunion und dem Anschluss der DDR.

Eine schöne Collage hat Annett Gröschner 2009 im Freitag zusammengestellt. Ein paar interessante Links zu Diskussionen zum 4. November von 2009 gibts beim Ostblog.
Im Ostblog gibt es auch einen Text aus dem Telegraph, der mit einem interessanten (weil ungewöhnlichem) Blick auf die Zeit der „Wende“ schaut: DIE GESCHEITERTE REVOLUTION.

Sub! Sub! Sub! in Pegidistan

SubSubSub wäre nicht ohne die Mall of Shame entstanden. Wütend über die Lohnprellerei beim Bau der größten Shoppingmall Berlins, haben wir vor einem dreiviertel Jahr mit Berlinska Droha vorsucht, eine Art Soundtrack dazu zu schreiben. Atze Wellblech hats dann sozusagen gecovert und zusammen mit Robert ein hübsches Video in der bekannten Großkaufhalle am Leipziger Platz gedreht. Irgendwann haben wir (Berlinska Droha) das Original bei SmaiL shocK productionS aufgenommen. Und jetzt könnt ihrs hören:

Die Kaufhalle der Schande ist kein Einzelfall – das ist offensichtlich. Was sie von anderen, vergleichbaren Fällen unterscheidet, ist die Tatsache daß die Arbeiter sich gewehrt haben und vor allem die öffentliche Wahrnehmung. Grade wurden wieder zwei Prozesse gegen das Subunternehmen Metatec gewonnen, welches seinerseits laut BZ mittlerweile gegen den Bauherren Harald Huth geklagt hat.
Weit weniger im Lichte der Öffentlichkeit steht bisher ein aktueller Fall aus Dresden. Dort unterstützt die lokale FAU einen bulgarischen Bauarbeiter gegen den Lohnbetrug durch die berliner Firma City Aktiv GmbH und ihren Chef Yordan Genchev. Darüber hinaus geht es natürlich auch um die übliche Praxis in weiten Teilen der Branche. Die FAU Dresden schreibt:

Das Kalkül der Unternehmer_innen ist dabei klar: Es wird gehofft, dass Sprachbarrieren und begrenzte finanzielle Möglichkeiten dazu führen, dass vom Rechtsweg kein Gebrauch gemacht wird. Oft werden Bauarbeiter_innen, die sich wehren, zudem von den Chefs mit Gewalt bedroht. Diese Praxis übt nicht zuletzt auch enormen wirtschaftlichen Druck auf Firmen aus, die ordentliche Arbeitsverhältnisse bieten wollen.

Unterstützen kann man die Sache im Moment vor allem durch Öffentlichkeit. Twittern, die Petition unterschreiben oder den Banner auf eure Blogs setzen – scheißegal. Vielleicht wird das auch nicht alles sein. Schaunwama.

Schön ist es übrigens zu sehen, dass sowas mal in Pegidistan öffentlich angegangen wird. Ich denke, dass konkrete Solidarität mit migrantischen ArbeiterInnen ein besseres Gegenmittel gegen Pegida ist, als alles Moralisieren. Der Fall mag zu klein sein und ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber immerhin liegt er auf dem Tablett und ist vielleicht ein kleines Hoffnungsschimmerchen am düsteren sächsischen Horizont (genauso wie die vielen Leute, die dort Geflüchtete unterstützen).
Dass solche Konflikte auch gewonnen werden können, zeigt ein ebenfalls recht aktuelles Beispiel aus Berlin:

Erfolgreich gegen Lohnbetrug an migrantischen Arbeitern: FAU Berlin forderte von dem Restaurant „Cancún“ Lohnnachzahlung und Urlaubsabgeltung. Während der Kundgebung am 24. Oktober vor dem Restaurant musste sich der Boss von der (Laut-)Stärke unserer Solidarität überzeugen und bot einen vierstelligen Betrag, um den Forderungen der Basisgewerkschaft zu genügen. Damit ist dieser Konflikt durch direkte Aktion der FAU Berlin beendet worden.

Ein interessanter Artikel zum Hintergund wäre dieser hier aus der Direkten Aktion vom Mai/Juni mit dem etwas sarkastischen Titel „Armutseinwanderer“. Da geht es vor allem um Einwanderung aus Osteuropa. Ich glaube, dass es spannend sein könnte, sich mit einem vergleichbarem Blick auch den neuen Leuten aus Syrien etc. anzunähern. Auch hier dürfte es zur dringenden Notwendigkeit werden (falls es das nicht schon lange ist), gemeinsam mit den Betroffenen Strategien gegen Überausbeutung zu entwickeln.

Tourtagebilder

Robert hat das Schaufensterpuppenmeer mit der letzten kleinen Berlinska Droha – Tour bebildert:

#1258km #Tourtagebilder – Von Berlin nach Warschau und zurück from R.E. on Vimeo.