Archiv für Juni 2015

Wald und Bundeshauptstadt a.D.

Heute Abend spiele ich im Wald. In einem, der bald durch eine Mondlandschaft ersetzt wird – solange die Energieindustrie machen kann, was sie will. Zur Abwechslung mal nicht in der Lausitz, sondern westlich von Köln. Mehr Infos hier: http://hambacherforst.blogsport.de/

Morgen spiele ich dann überraschenderweise in Bonn: https://www.facebook.com/events/929307217131961/

Elmau kaputt! Kopfstand? Pause.

Google Maps muss neu fotografiert werden. Jedenfalls in Elmau. Denn vom Schloss ist nichts mehr übrig. Benny Baupunq hat im letzten Kopfstand schön beschrieben, was passiert ist. Weitere Texte aus vergangenen Kopfständen gibts bei Sahara B. und im neuen Blog von Der Papst, seine Frau und sein Porsche.

Nach so viel Action und Zerstörung brauchen wir erstmal eine Pause. Im Herbst gehen wir dann mit frischem Elan wieder auf die schöne kleine Bühne in der Baiz. Bei Martina, Jürgen und den Elchen wird bis dahin viel passiert sein. Was genau, verraten wir dann wie immer am 1. Donnerstag im Monat.

Die Sorbenverschwörung

„Die Sorben sind ein Schweinevolk!“, sagten junge Sachsen meinem Cousin auf einem Zeltplatz in Tschechien. Warum nur, fragte mein Cousin und auch ich fragte mich, was denn so schlimm an diesen Sorben in der beschaulichen Lausitz ist. Heute, nach jahrelangen Nachforschungen weiß ich, dass die jungen Sachsen recht hatten.

Heute weiß ich…

WARUM DIE SORBEN AM KRIEG SCHULD SIND:

Am 25. Januar 1867 trafen sich die Sorbenführer Jan Arnošt Holan , Jan Arnošt Muka und Jan Arnošt Smoler (man beachte die Namen!) auf dem Czorneboh bei Bautzen zu einer schwarzen Messe. Der Czorneboh – zu deutsch „Schwarzer Gott“ ist ein Berg mit seltsam geformten Steinen – wie geschaffen für okulte Rituale. Und an einem dieser Steine gibt es einen Eingang ins Berginnere. Dahinter befindet sich ein langer Gang, der bis zum Drohmberg geht. Hier leben 7 sorbische Könige und warten auf den Tag, an dem sie die Lausitz befreien werden – so sagt es die Erzählung und so glaubten es auch die 3 Sorbenführer.
Unter allerlei altsorbischen Beschwörungsritualen öffnete sich der Berg und die 7 Könige ritten in voller Montur ans Tageslicht, blieben vor den 3 Sorbenführern stehen und der älteste, dem unter seiner Krone schon graues Haar wuchs sprach:

„ Jan Arnošt, Jan Arnošt, Jan Arnošt! Ihr glaubt, das wir, die wir glücklich von des Markgrafen Geros Tafel wiederauferstanden sind, die Lausitz befreien werden. Ihr irrt! Wir müssen zurück in unseren Berg und werden weitere 1000 Jahre schlafen. Aber ihr könnt die Lausitz befreien! Und ihr könnt gleich noch ganz Ostdeutschland resorbifizieren! So wie Markraf Gero uns zum Festmahle lud, um uns anschließend hinterrücks zu erdolchen, so müsst ihr die deutsche Oberklasse hinterrücks verdummen!“

Da stiegen die 7 Könige von ihren Pferden, setzten sich auf den Stein und luden die 3 Sorbenführer ein, es ihnen gleichzutun. Hier hielten sie einen siebenstündigen Sejmik und stiegen anschließend mit einem perfiden Plan im Kopf den Berg hinunter nach Budyšin um ihre Mitverschwörer zu instruieren. Holan ging nach Russland, um von dort unter dem Schutz des Zaren die Leitung zu übernehmen. Smoler ging vorübergehend nach Leipzig, wo er sich mit den Reptilienmenschen traf, die die Mainstreammedien unter ihrer Kontrolle hatten. Diese starteten daraufhin eine Kampagne zum Fleiß und Anmut wendischer Ammen, die solche Durchschlagskraft hatte, dass auch Frauen, die noch nie den Spreewald mit eigenen Augen gesehen hatten und kein Wort sorbisch sprachen in eine Spreewälder Tracht gekleidet wurden. Selbst in den „Deutsch-Südwestafrika“ erfreuten sich die deutschen Herrenmenschen an Spreewälder Trachten, wenn sie sich vom Verbreiten des deutschen Wesens mit Kugel, Bajonett und Massenerschießungen erholten. Die wendischen Ammen waren also kulturell führend in der Kleinkinderbetreuung. Die echten wendischen Ammen konnten sich aber nur die echte Oberschicht leisten.

Muka wiederum zog unter dem Vorwand ethnographischer Studien durch die Niederlausitz und instruierte die niedersorbischen Mädchen im Umgang mit den Sprößlingen der deutschen Oberschicht. Und er brachte ihnen Gift, dass die Kinder mit der Milch ihrer Ammen aufsogen. Das Gift behinderte die geistige Entwicklung der Kinder und pflanzte Dummheit, Wahnsinn und Irrationalität in ihre Hirne der herrschenden Klasse. Die Folgen sollten nicht lange auf sich warten lassen.

Wozu das alles? Die Aktivitäten der sich ständig ausweitende sorbischen Geheimgesellschaft hatten das Ziel, eine vollständig verblödete deutsche Oberklasse zu schaffen, die am Ende die Resorbifizierung Ostdeutschlands widerstandlos hinnehmen, ja sich selbst sorbifizieren lassen würde. Und so kam es auch. Jedenfalls beinahe. Immerhin funktionierte die Verdummung ausgezeichnet.
Der erste Test war der erste Weltkrieg, den Deutschland, wie wir wissen, vorlor. Das war auch kein Wunder, denn auch Kaiser Wilhelm war von einer Spreewaldamme großgezogen worden. Anschließend fuhren einige schlecht informierte, aber übermotivierte Sorben nach Versailles und forderten den Anschluss der Lausitz an Tschechien. Zu früh! Der Anschluss an Tschechien wurde verweigert und die übermotivierten jungen Sorben saßen erst einmal im Gefängnis. Währenddessen entglitt den drei Jan Arnošts, die sich – angeblich tot – in das innere des Czornebohs zurückgezogen hatten, zusehends die Kontrolle. Gramvoll mussten sie zusehen, wie ihr Lebenswerk die Spree hinabfloß. Während die deutsche Oberklasse von Tag zu Tag dümmer wurde, schwankten die Verschwörer zwischen Resignation und Übermotivation, gründeten eine Bank und ließen sie wieder pleite gehen, machten Kultur und dies und das, aber die Resorbifizierung kam kein Stück voran. Wo sollte das hinführen? Die deutsche Oberklasse konnte unterdessen in ihrer mittlerweile vollständigen Debilität nicht erkennen, dass eine sorbische Verschwörung den Volkskörper zersetzte und suchte sich unter großem Geraune und wahnhafter Einbildungskraft ein anderes Feindbild. Die Folgen sind bekannt.

Als nach dem 8. Mai 1945 zwar die polnische Westgrenze verschoben, die Lausitz aber Teil der sowjetischen Besatzungszone blieb, verschlossen die sieben Könige und die drei Jan Arnošts vor Gram über das angerichtete Desaster den Berg und haben ihn seither nicht wieder geöffnet. Aber was wird passieren, wenn sie es wieder tun?
Und außerdem: Beim Kramen in der Schreibtischschublade meines Urgroßvaters Arnošt Holan, der widerum Neffe von Jan Arnošt Holan war, habe ich herausgefunden, daß Wladimir Putin ein unehelicher Urenkel Jan Arnošt Holans ist. Vermutlich sind die Sorben auch an der Ukrainekrise Schuld! Aber was ist mit Syrien? Stecken die Sorben gar mit den Reptilienmenschen unter einer Decke? Viele Dinge liegen noch im Dunkeln, aber eines ist sicher:

DIE SORBEN SIND EIN SCHWEINEVOLK!

Da hatten die sächsischen Camper schon recht. Fragt sich nur, woher sie dieses Insiderwissen hatten. Waren sie am Ende selbst Sorben?

Ein Text für den Kopfstand Nr. 3, wo ich sie als „Verschwörungstheorie des Monats“ gelesen habe

Regen und Traufe

Der Folterknast des Tyrannen
wird gesprengt
von Männern mit Bärten
und schwarzen Fahnen
Ein anarchistischer Taum?

Die neue Tyrannei
folgt auf dem Fuße
zerschnittene Kehlen
säumen den Weg
im Straßenstaub
versickert das Blut
die Träume
die Hoffnung
Nichts mehr, nichts!

Wird tief unter der Erde
Neues wachsen?
Hoffnungen
Träume
Möglichkeiten?

Von der Kaufhalle der Schande in die Potse

Ich sitze auf dem Potsdamer Platz. Von hier aus sieht die Kaufhalle der Schande gar nicht so gigantisch aus. Ein paar im Vergleich zu den Hochhäusern am Potsdamer Platz niedrige, dafür aber in die Breite gewachsene und nicht besonders innovative Bauten. Fast ein bisschen wie die Stalinbauten in der Karl Marx Allee – nur kleiner und niemals als Arbeiterpalast gedacht. Ohne das pinke Schild mit der Aufschrift „BEST OF SHOPPING – MALL OF BERLIN – MORE THAN 300 SHOPS“ würden sie kaum auffallen.

Ich sitze auf dem Steinsockel von so einem komischen Metalldingsda. Um mich herum eine Gruppe Selfies schießender italienischer Touristen. Dann eine englisch sprechende Familie mit McDonalds Luftballons. Ein paar Geschäftsleute und Touristen, Touristen, Touristen. Und wieder Geschäftsleute mit ihren weißen Hemden und dunklen Anzügen. Ich sattle mein Fahrrad. Dieser Ort ist nichts für mich.
Während ich zwischen dem Sony – Center und den anderen repräsentativen Bauten hindurchfahre, versuche ich mich zu erinnern, wie der Platz aussah, als ich 16 war. Es gelingt mir nicht. Nur ein paar Bauzäune mit Streikaufrufen und die niemals ausgeführten Gewaltphantasien im Baustellenaussichtsturm fallen mir ein. Der berliner Senat hatte damals das Areal regelrecht an die Investoren verschenkt. Auf der Baustelle arbeiteten tausende vor allem polnische Bauarbeiter, die Glück haben mussten, wenn sie überhaupt bezahlt wurden. Man kann nicht sagen, dass es keine Kontinuität gibt in dieser Stadt. Der Streik deutscher Bauarbeiter richtete sich damals aber auch gegen ihre osteuropäischen Kollegen. Teile und herrsche funktionierte ganz prächtig.

Aber bin ja weiter. Wieder im Heute und auch die Straße verändert sich. Um mich herum luftig und merkwürdig verlassen das Ensemble westberliner Nachkriegsmoderne voll mit Kunst, Philharmonie und Staatsbibliothek. Bei soviel Hochkultur auf einmal kriege ich Beklemmungen und fahre Richtung Süden. Hinter dem Landwehrkanal beginnt langsam eine Zone in der das alte Westberlin noch nicht ganz verschwunden ist. Jedenfalls wenn man die beiden entmieteten 60er-Jahre Bauten ausblendet. Am Geschäft im Nachbarhaus steht in goldenen Lettern „SAFE BERLIN“. Was auch immer das heißen soll. Ansonsten die gewohnte Mischung: Strip Club, Casino, und die Beauftragte des Senats für Migration. Dazwischen Bäcker, Spätis und Gastro: Türkisch, Jugoslawisch und deutsch. Ecke Lützowstr. hat das Sicherheitsgewerbe eine Festung errichtet. Passt doch.

Je weiter ich nach Süden komme, desto belebter wird die Straße. Ecke Kurfürstenstr. ist es schon richtig voll zwischen Woolworth, dem Nazur-Supermarkt und dem Erotikstore gegenüber. „Love, Sex, Dreams“ wird versprochen. Ich lasse die Träume hinter mir. Vor der Commerzbank liegt noch das zersprungene Betonkreuz mit der Inschrift „Klaus Jürgen Rattay“ im Bürgersteig. Grade ist es von einem Auto der deutschen Bahn zugeparkt. Klaus Jürgen Rattay wurde Anfang der 80er bei Hausbesetzerprotesten auf der Flucht vor der prügelnden Polizei von einem BVG-Bus überrollt und starb. Anschließend brachen Riots aus. Von der Besetzermetropole Nordschöneberg ist heute nicht viel zu sehen. Aber ein paar Restbestände sind vorhanden. Ich versuche immer noch das Betonkreuz unter dem Bahnauto zu betrachten. Neben mir fährt lautstark ein Doppelstockbus. Schräg von oben rattert die Hochbahn. Unter der Hochbahn riecht es immer noch nach Pisse. Aber dezenter als früher. Junkies sehe ich keine mehr. Dafür fährt eine alte, grün/weiß gestrichene und vergitterte Bullenwanne vorbei. Romantisch!

Ab jetzt ist eigentlich alles fast wie immer. Begine und Eurogida, die bestimmt 20 Jahre alte Baustellenbrache und kurz darauf die beiden ehemals besetzten Häuser mit viel Grünzeug davor. Von hier aus kann ich schon in die 2. Etage des BVG-Gebäudes schräg gegenüber schauen. Es brennt Licht.