Das Lied von den Murmeln

Ich hatte es fast verdrängt: Nach wie vor stehen sich Atomraketen gegenüber, die locker ein paar mal die ganze Welt in Schutt und Asche legen können. Das hat sich seit dem Ende des kalten Krieges nicht geändert. Mit dem Ukraine – Konflikt wird es aber wieder sichtbar und wenn ich hinschaue grusele ich mich.

Ein Gefühl von Angst und Ohnmacht.

Einen schönen Text, der das gut fasst, hat Max Ophüls in den 20ern wohl noch unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges geschrieben. Das wir heute den Fortgang der Geschichte kennen, macht das alles nicht weniger beängstigend. Ich hab mich mal an einer neuen Interpretation versucht, die grade als Testtrack von smaiL (shocK-Productions) aufgenommen wurde. DANKE!

DAS LIED VON DEN MURMELN

Sie kennen doch Murmeln.
Man nennt sie auch Klicker,
dies ist ein dünner,
und das ist ein dicker,
und der ist aus Eisen
und dieser aus Glas,
man stößt sie hin und her
zum Spaß.
Man wirft sie gegen die Wand,
die runden Köpfe roll‘n in den Sand,
das kostet nicht viel,
ist nur ein Kinderspiel,
ein Kinderspiel, gespielt in jedem Land.

Das ist auch der Menschen Los auf Erden,
wir seh‘n nicht, wohin wir gestoßen werden.
Man wirft uns rücksichtslos ins Spiel,
wir kullern daneben
und nur selten ins Ziel.
Und wenn wir auch in den Pott rein roll‘n,
wir fallen so, wie es die Herren woll‘n;
denn wir sind nur Murmeln,
wir sind wie die Klicker,
ob du ein Dünner bist
oder ein Dicker,
ob du aus Eisen bist
oder aus Glas.
Man stößt uns hin und her
zum Spaß.
Man wirft uns gegen die Wand,
und unsre Köpfe roll‘n in den Sand.
Das kostet nicht viel,
ist nur ein Kinderspiel,
ein Kinderspiel, beliebt in jedem Land.

Und so kann’s eines Tages noch passieren,
da wird man uns wieder kommandieren,
zu irgendeinem schönen Zweck
roll‘n wir wieder mitten rein in den Dreck.
Und sie schreien Hurra und versprechen viel,
wir packen ein und zieh‘n in den Krieg.

Wir sind ja nur Murmeln,
wir sind ja nur Klicker,
ob du ein Dünner bist
oder ein Dicker,
ob du aus Eisen bist
oder aus Glas.
Man stößt uns hin und her
zum Spaß.
Man wirft uns gegen die Wand,
und unsre Köpfe roll‘n in den Sand.
Das ist nur ein Spiel,
ist nur ein Kinderspiel,
das kostet nicht viel -
nur die Toten in jedem Land.

Der Weg aus der Ohnmacht wäre ein radikaler, weltweiter Antinationalismus, der lokal damit anfängt, die Politik jeweiligen Regierung zu hinterfragen, überall die „Heimatfront“ zu schwächen und die Kriegsmaschinerie zu sabotieren. Ein militanter Antimilitarismus. Für all das stehen AnarchistInnen und radikale Linke seit Jahren und sie waren und sind in diese Richtung auch mitunter sehr praktisch aktiv. Von abgebrannten Bundeswehrfahrzeugen, Blockladeversuchen von Gefechtsübungszentren und Anschlägen auf Rüstungsexporteure bis hin zu ungezählten Flugblättern.

Angesichts der jetzigen beängstigenden Lage in der Ukraine machen radikale Linke und AnarchistInnen allerdings weiter mit dem, was sie immer tun und getan haben. Flugblätter, Beteiligung an den Ostermärschen und der eine oder andere Anschlag gegen die Bundeswehr. Angesichts vieler Baustellen, auf denen die Leute aktiv sind, ist das auch kein Wunder. Es aber auch kein Wunder, das dass das Leuten, die sich genau hier und jetzt um den Frieden sorgen nicht reicht. Ärgerlich, aber auch nicht wirklich überraschend, dass es nun einer Mischung aus Neurechten, Esoterikern, (Krypto)-Antisemiten (gemischt mit zu Recht besorgten Leuten, die wahrscheinlich die große Mehrheit der TeilnehmerInnen stellen) gelungen ist, diese Lücke zu füllen und dreist zu argumentieren, dass sie ja die Einzigen wären, die etwas gegen die Nato – Politik machen würden. Das ist nicht zuletzt deswegen gefährlich, weil dieses Gerede von der „Souveränität Deutschlands“ genau nicht zu einem Antinationalismus führt, der verhindern könnte, dass die Leute aufeinander schießen – im Gegenteil! Mit einer Bewegung, die Nazis toleriert zum Weltfrieden? Das ich nicht lache!
Ich will mich nicht lange damit aufhalten – das Lower Class Magazin hat das Wichtigste dazu zusammengefasst und wer will findet auf der Facebookseite von Jutta Ditfurt jede Menge weiterführende Links.

Es bleibt die entscheidende Frage, wie ein militanter Antinationalismus und Antimilitarismus eine relevante Stärke gewinnen kann. Gegen deutsche und Nato – Kriegspolitik aber auch ohne (der Feind meines Feindes ist mein Freund) sich deswegen dem reaktionären Putin – Regime anzubiedern oder Assad für nen super Typen zu halten. Stattdessen lohnt es sich, solidarisch mit der (sehr heterogenen) russischen Friedensbewegung zu sein, die während der Krim – Invasion immerhin ein paar zehntausend Leute auf die Straße gebracht hat. In erster Linie muss es aber darum gehen, den Krieg und seine Propaganda an der „Heimatfront“ zu sabotieren. Aber wie? Es ist jedenfalls Zeit, den Business as usual – Modus zu verlassen.

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen ersten Mai!
(Falls Ihr noch nicht wisst was ihr machen wollt – die ASJ hat ein paar Termine zusammengestellt)

ps.:Wenn Ihr das mal live sehen wollt, könnt ihr das heute 21:00 in der potsdamer Olga, oder am Sonnabend in Fürstenwerder in der Uckermark tun. Oder am Tag der Befreiung beim Punkfilmfest.

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