Archiv für November 2011

dies und das II

Die letzten 3 Tage wollte ich über Georg Kreisler schreiben, der leider gestorben ist. Ist mir aber nicht gelungen, weil ich stattdessen Stunde für Stunde seine großartigen Lieder gehört habe und nicht gleichzeitig schreiben kann. Dazu sind die Lieder zu gut, zu lustig, zu intensiv. Inzwischen gibts ja genug Nachrufe auf den großen alten Mann. Muss ich nicht auch noch einen schreiben. Stattdessen weiter in den Chansons versinken. Z.B.:

Themawechsel: In der Jungle World ist ein ganz interessantes Interview mit Katharina König aus Jena über die dortige Naziszene und die Szenerie in die diese eingebettet ist, als Teil des Titel-Themas erschienen. Was sie da sagt ist im Grunde alles nicht überraschend, wenn man diese Dinge in den letzten Jahren verfolgt hat. Gut ist, dass da jetzt mal wieder hingeschaut wird und das nicht nur in Nischenprodukten wie der Jungle-World.
Initiativen die seit langem und mit Kontinuität hinschauen haben einen „Ap­pell der Be­ra­tungs­teams und Op­fer­be­ra­tungs­pro­jek­te gegen Neo­na­zis“ veröffentlicht. Interessanter und wichtiger Text, auch wenn ich mein Augenmerk und meine Hoffnung eher auf libertäre antifaschistische Selbstorganisation legen würde als auf staatliche Anerkennung. Wobei weniger Steine im Weg ja auch nicht schlecht sind!

Strahlend wird die Zukunft sein…

… sangen einst die Skeptiker aus Ostberlin. Auch die längst verflossene Punkband Köterkacke in der ich ein wenig herumgefiedelt habe, hat ein Lied dazu gemacht, das man angesichts des kommenden Castortransportes mal aus der Versenkung holen kann.

Schade, dass ich es selbst nicht schaffe, ins Wendland zu fahren. Da stehen der schon zugesagte Gig in Cottbus und diverse unaufschiebbare Verpflichtungen im Weg. Aber jede Menge Kollegen aus den RAK – Umfeld werden dafür sorgen, dass auf Blockaden und in den Camps der eine oder andere kulturelle Höhepunkt stattfindet. Mir bleibt indessen nix als die Daumen zu drücken und ich hoffe, daß das das wenigstens ein bisschen hilft.

Zwickau und der Alltag in (ost)deutschen Kleinstädten

Daß diese Nazi-Mördertruppe „NSU“ in dieser Form möglich wurde, hat viel mit der Alltagsrealität in vielen kleinen Städten nicht nur in Ostdeutschland zu tun. Aus Angst vor Imageverlust aber auch weil sich so mancher Politiker den ach so normalen Faschojugendlichen näher zu fühlen scheint als irgendwelchen dahergelaufenen Alternativen, Linken oder Punks. So entsteht eine Atmosphäre des Vertuschens und Verschweigens und wir können einenen aufgescheuchten Hühnerhaufen beobachten, wenn das Ausmaß an Bedrohungen und Einschüchterungen seitens der Neonazis ans Tageslicht kommt. Nicht selten werden dann auch die Opfer zu Tätern gemacht, wie letztes Frühjahr in Limbach-Oberfrohna, einem Städtchen nicht weit weg vom schönen Zwickau.
Es gibt aber auch alternative und linke Jugendliche und Erwachsene in der Region, die seit Jahren darum kämpfen, der rechten Hegemonie eigene Treffpunkte abzutrotzen, die den Alltag wesentlich erträglicher machen und die eine Ausgangsbasis wären. In Limbach-Oberfroha ist das „Soziale und Politische Bildungsvereinigung L.-O. e.V.“, Zwickau der „Rote Baum e.V.“. Beide setzen sich für alternative Jugendzentren in ihren Städten ein und auf beiden Blogs finden sich aufschlussreiche Texte zur lokalen Situation:

Jaja, die Sorge der Ober­häup­ter um den guten Ruf ihrer Stadt ist auch dem »Baum­haus« ein sehr be­kann­tes Ar­gu­ment. Zu­letzt wurde mit des­sen Hilfe jede wei­te­re Ver­hand­lung hin­sicht­lich eines AJZ in Zwi­ckau ab­ge­bro­chen, denn linke Ju­gend­li­che be­zie­hungs­wei­se An­ti­fa­schis­ten, die seit Jah­ren die Na­zi­pro­ble­ma­tik the­ma­ti­sie­ren, gel­ten in Zwi­ckau als Nest­be­schmut­zer und scha­den dem guten Ruf der Stadt.
Wenn aber ur­plötz­lich eine Na­zi-​Ter­ror-​Grup­pe unter der Be­zeich­nung »Zwi­ckau­er Zelle« in den bun­des­wei­ten Me­di­en auf­taucht, herrscht im Rat­haus hek­ti­sche Be­trieb­sam­keit und die Be­völ­ke­rung wird zur Ret­tung ihres Image auf die Stra­ße ge­be­ten. Doch lei­der ist zu be­fürch­ten, dass spä­tes­tens, wenn das Rau­schen im Blät­ter­wald ver­klun­gen ist, in die­ser Stadt wie­der zum üb­li­chen Ta­ges­ge­schäft über­ge­gan­gen wird. Was in Zwi­ckau so üb­lich ist, lässt sich zum Bei­spiel an­hand einer Chro­nik von Na­zi-​Ak­ti­vi­tä­ten ab­le­sen. Quelle

…schreiben zum Beispiel die Zwickauer_innen. Von Berlin und den anderen größeren Städten gilt es weiterhin die Leute vor ort zu unterstützen. Es macht Sinn, hinzufahren und ganz persönlich klarzustellen, dass die Leute dort nicht allein sind, und das icht nur wenn eine Demo angesagt ist. Fehlt dazu die Zeit, kann man ja auch ne Soliparty veranstalten oder einfach so Geld Spenden.
An dieser Stelle will ich noch mal auf einen Aufruf der FAU OST verweisen.

Hinfahren ist aber auch nicht schlecht, denn die, die es in solchen Städten aushalten sind meist sehr angenehme Leute. Mit Berlinska Droha waren wir letztens da – hier zwei Videos mit unserem Kumpel Daniel von Bukahara an der Geige:

Letztens in Bochum

Vielen Dank an Thorsten, Faulenza und die Wageni-Meute. War ein wundervoller Abend!

Aus der Ecke kommt übrigens auch ein Sampler, auf dem ich mit dem hübschen Lied „Fancy“ vertreten bin, genau wie jede Menge andere Musiker_innen. „Liedermachermassaker“ heißt der Tonträger, bei dem ich leider nicht rausfinde, wo ihr ihn bestellen könntet. Thorsten, hilf mir!

Von Opole nach Berlin

Menschmenschmensch. Opole war überraschend. Der Gig war ja von so ner sorbisch-polnischen Freundschaftsgesellschaft organisiert. Da erwartet man eigentlich eher nicht, dass man bei einer alten Punkerin zu Gast ist (die auch noch alte Hausbesetzermitbewohnerinnen aus Berlin kennt), in einem eher alternativen Klub spielt und das über zwei Stunden. Daß die Konzertbesucher_innen uns nur unter Protest von der Bühne gehen lassen und daß man dann noch einen sehr lustigen Abend mit viel Wodka hat. War toll!

Der nächte Tag naturgemäß eher verkatert und diese Schnellzüge fahren dann manchmal in einem Tempo durch Polen, bei dem man denkt, man könnte aussteigen und schnell ein paar von den restlichen Äpfeln in den vorbeikriechenden Gärten pflücken.

Zurück in Berlin: hier haben wir die Silvio-Meier-Demo verpasst, aber antifaschistisches Engagement ist ja auch so ne Alltagsgeschichte und wir tun ja auch was, wenn wir bei jeder Gelegenheit die traurige Geschichte von Kasten Končak zum besten geben. Trotzdem wär ich gern da gewesen.

Apropos Engagement: Die FAU hat einen Bericht zu dem Bally Wulff – Aktionstag veröffentlicht. Bundesweit sieht das ja auch ganz gut aus und wird die Geschäftsleitung sicherlich ärgern und hoffentlich auf den interessanten Gedanken bringen, daß Nachgeben viel billiger sein könnte. Wir werden sehen.

Zu guter letzt zurück nach Polen in das Dorf aus dem unser guter Freund Pjotrek herkommt. Da haben wir vor zwei Jahren auf dem Bauernhof für seine Familie gespielt und da sind ein paar süße Videos herausgekommen:

dies und das

Kundgebungsmugge ganz gut absolviert. Diese Kundgebungen bei konkreten kleinen Arbeitskämpfen sind zwar jetzt nicht unbedingt die ganz großen Sternstunden des Musikerdaseins, aber weils wichtig ist, Leuten, die sich im Betrieb wehren den Rücken zu stärken, mach ichs ganz gern. Kalt wars auch, was nervt, weil die Finger dann nicht immer so wollen wie ich will. Dank vor allem noch mal an Hanz, der ja ne längere Anreise hatte.
Die Kundgebung waren etwa 25 Leute auf schräg gegenüber der Firma. Hatte mir irgendwie mehr erhofft, aber Linke und so ne Sachen – gibts da immer noch diese seltsame Trennung zwischen loyaler Mitarbeiter inna Woche und superradikaler Linksradikaler nach Feierabend? Oder waren die potentiellen Kundgebungsteilnehmerinnen selbst noch auf Arbeit? Ich finds noch raus.
Trotzdem dürfte die Aktion ihr Ziel erreicht haben, mehr Leute auf die lustigen „Änderungskündigungen“ hingewiesen zu haben und langsam aber sicher öffentlichen Druck gegen Bally Wulff zu erzeugen. Was bundesweit vor den Filialen passiert ist, weiß ich noch nicht, aber fau.org wirds wohl demnächst berichten.

Morgen gehts dann mit Berlinska Droha nach Polen. Wenn man die Nachrichten aus Warschau verfolgt klingt das ja eher gruselig, was sich aber relativiert, wenn man man da Leute kennt und öfters spielt. Natürlich gibt es widerliche nationalistische Hooligans, eklige Rechtskatholiken und andere unsympathische Leute. Haben wir bei unser Polentour diesen Sommer aber nur einmal wirklich bemerkt, weil die ganze Kleinstadt in der wir gespielt haben, voll mit „White Power“ Aufklebern war, was unser Publikum (und das war kein linkes, nicht mal ein wirklich alternatives Publikum) nicht daran gehindert hat unsere Antifa-Songs gut zu finden. Uns fiel ein großer Stein vom Herzen. Kluczborg heißt das Städtchen. Andernorts gibt es aber auch eine wirklich angenehme und gar nicht so kleine anarchistische Bewegung in Polen und vor allem auch verhältnismäßig große syndikalistische Gewerkschaften.
Unser Konzert im Klub „Jamaika“ in Opole hat damit allerdings nichts zu tun, weils eher über sorbische Connections läuft. Das muss nichts schlechtes heissen. Ich bin gespannt.

Zu guter letzt noch was ganz anderes. Ich hab vor ner Weile mal ein bisschen Geige für Pyro One eingespielt. Die Platte is grade rausgekommen und zusammen klingt das dann so:

Atze Wellblech am Freitag Nachmittag

Die FAU hat mal wieder einen Arbeitskampf und wie das so ist bei Arbeitskämpfen, muss der gewonnen werden. Um das zu unterstützen, spielen wir mit Atze Wellblech Freitag, den 18. 11- 14:30 Maybachufer Ecke Pannierstraße, Berlin-Neukölln auf der Kundgebung vor dem Sitz von Bally Wulff, einer lustigen berliner Spielautomatenfirma. Und darum gehts genau:


Juni 2012 soll die Abteilung Siebdruck des Spielautomatenherstellers Bally Wulff Entertainment GmbH (Maybachufer 48-51) geschlossen werden. Den verbleibenden Siebdruckern der Abteilung wurden bereits im September 2011 Änderungskündigungen für eine neue Tätigkeit im Unternehmen ausgehändigt. Das Weiterbeschäftigungsangebot beinhaltet unannehmbare Verschlechterungen in Sachen Bezahlung, Arbeitszeit und Urlaubsanspruch.

Die Siebdruckerei ist nicht die erste Abteilung, die geschlossen wird. Bereits 2008 wurden mehrere Produktionsabteilungen geschlossen bzw. verkleinert und Beschäftigte entlassen. Leiharbeit und Befristungen aber scheinen keine Sorge zu haben, aus dem Betrieb verdrängt zu werden.
Quelle

Die Forderungen sind vorerst:

Keine Verschlechterung in Sachen Entlohnung (insbesondere Urlaubs- und Weihnachtsgeld), Urlaubsanspruch und Wochenarbeitszeit. Weiterhin wird die Beschäftigung als Fachkraft mit ggf. einer bezahlten Weiter- bzw. Umschulung für den neuen Bereich gefordert. Quelle

Kein spektakulärer Fall vordergründig. Nur eine weitere kleine Salamischeibe Prekarisierung. Spektakulär wird der Fall, weil sich der Kollege das nicht gefallen lässt. In der Hoffnung, daß es mehr werden, die sich konkret gegen die kapitalistischen „Sachzwänge“ zur Wehr setzen.
Ein Angriff auf eine_n ist ein Angriff auf alle!

Franz Josef Degenhardt

Als ich ein kleiner Punker war konnte ich mir nichts abscheulicheres vorstellen als deutsche Liedermacher. Mit DKP – Hintergrund! Hilfe! Bis ich Degenhardt hörte. Deutscher Sonntag zum Beispiel – das beschrieb auch die ostdeutsche Kleinstadt in der ich einen Teil meiner Kindheit verbracht hatte und von der ich heute noch Alpträume hab. Hat mich gefangen und ich hab diese Platte zum Schrecken von Kollegen und Gästen ne Zeitlang in der Friedrichshainer Kollektivkneipe in der ich gearbeitet hab, rauf und runterlaufen lassen. Hab das jetzt alles lange nicht gehört. Heute mal wieder als ich las, daß Franz Josef Degenhardt gestorben ist. Und irgendwie ist es mir ein Bedürfnis, mich noch einmal zu verneigen vor einem großartigen Künstler. Möge die Erde dir leicht sein.

nun ja…

Nun also mal einen Blog. Noch gänzlich roh und nicht vorzeigbar, aber das werde ich noch ändern. Zu finden sein sollen hier dann Konzert- und Tourankündigungen von Geigerzähler, Berlinska Droha und Atze Wellblech, sowie das eine oder andere Video bzw den einen oder anderen Livemitschnitt.
Zudem hab ich ja auch manchmal auch sonst was zu sagen oder spiele auf Soli-Partys zu denen etwas zu sagen ist. Auch das soll hier stattfinden. Bis demnächst!
Paul